Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 67 (1923)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1923)
- Article
- Zu Religionsphilosophie der Gegenwart
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 Heiligen. So tief die Cohensche Persönlichkeit in der Sphäre der Religion wurzelt, der Rationalismus seines Systems wird ihm selbst zu eng für die gewaltigen Energien der in ihm zur Entfaltung drängenden religiösen Kräfte. ׳' An Cohen selbst wird offenbar, wie eine Persönlichkeit mehr und tieferes ist, als der Inbegriff noch so bedeutsamer Ideen. Wie Cohen seine wuchtige Persönlichkeit vergebens in dem System seiner Begriffe auszuprägen versucht hat, hat er die ge׳־ schichtliche Realität der jüdischen Ethik und jüdischen Religion nur von der ihm zugewandten Seite rationaler Ideen beleuchtet. Sowohl Cohen 'selbst wie die jüdische Ethik und Religion und endlich die wissenschaftliche, sittliehe und religiöse Kultur der Menschheit sind reicher und tiefer als sein System in voller Würdigung seiner wissenschaftlichen Bedeutung. 2, R i c kert1. Das Cohensche System hat den Gegensatz von Natur und Kultur zu einem Gegensatz zweier verschiedener Richtungen des Kulturbewußtseins vertieft. Die Naturerkenntnis legt den Begriff des mechanischen, logisch-mathematischen Zusammenhanges von Größen ihrer Forschung zu Grunde und sucht das Geschehen durch Mathematisierung zur Seins-Erkenntnis zu erheben. Die sittliche Erkenntnis fragt nicht nach dem Seienden, sondern nach den objektiven Zielen des Willens, nach dem Sein-Sollenden. Dieses prägt sie in den Ideen des Rechte, des Staates, der Menschheit, des Reiches der Freiheit aus. Den Zusammenhang zwischen Natur und sittlicher Kultur sichert die Gottesidee, der unendliche Fortschritt der Geschichte, der Messianismus. Ein ,,mathematischer Messianismus“ bildet die Einheit beider heterogener Welten.. Die Schwierigkeit dieses Begriffs offenbart, daß hier der Dualismus von Natur und Kultur nicht überwunden ist, so gewiß die Idee der Kultur die Autonomie der Natur im Cohenschen System nicht zu durchdringen vermag, Naturbegriff und Kulturidee völlig verschiedenen begriffliehen Gehalt haben und behalten. Nun aber gibt es eine Wirklichkeit, die Kulturwirk־ 1 i c h k e i t, also gleichzeitig Natur und Kultur ist, das ist die in der Geschichtswissenschaft zur Erkenntnis gelangende Wirklichkeit. Denn die geschichtliche Erkenntnis ist nicht Natur- Wissenschaft, die die wertin d i f f ere nt e Wirklichkeit erkennt, 1 Richert: Gegenstand der Erkenntnis; Grenzen der naturwissenschaftlichen Begriffs bildung; Kulturwissenschaft und Naturwissenschaft; Geschichtsphilosophie (in Philos. im Beginn des 20. Jahrh.).