Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 66 (1922)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Kindersegen und Kinderlosigkeit im altrabbinischen Schrifttume
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 6)
- Language
- German
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39 und riefen ihn als Schiedsrichter an. Adam mißbilligte das Vorgehen der Frauen, den Absichten der Vorsehung vorgreifen zu wollen, und sagte zu ihnen: Ihr habet das Eurige zu tun, sowie Gott das seinige tut1. Eine zweite Sage mit derselben Tendenz lautet: Als Pharao den grausamen Befehl erließ, die neugeborenen Kinder der Israeliten in den Nil zu werfen, trennten sich Amram und die hervorragenden Männer seiner Zeit von ihren Frauen, indem sie sprachen: Unsere Bemühung, das Geschlecht zu erhalten, ist ja doch vergebens. Daraufhin trat Mirjam, schon als Kind von prophetischem Geiste inspiriert, dieser Anschauung entgegen, und wies darauf hin, daß ein solches Vorgehen dem Wachstum des Volkes noch schädlicher wäre als die Maßregel Pharaos, weil sie nicht nur das männliche, sondern auch das weibliche Geschlecht mit Untergang bedrohe. Amram und seine Zeitgenossen vereinigten sich daraufhin wieder mit ihren Frauen2. Daß die angeführten Sagen in den Zeitverhältnissen einen realen Hintergrund gehabt haben mögen, angesichts dessen selbst hervorragende Lehrer über den Fortbestand ihres Volkes mit Sorge erfüllt wurden und hinsichtlich des Gebotes der Fortpflanzung in einen schweren Gewissenskampf mit sich gerieten, beweist folgender, nur aus der überaus trüben Zeit heraus begreifliche Ausruf eines Lehrers: Seitdem sich die tyrannische Herrschaft immer mehr ausbreitet, uns schwere Gesetze auf erlegt, unter uns Thora und Gebote abschafft und uns die Teilnähme an Beschneidungsfeierlichkeiten verbietet, sollten wir uns von rechtswegen das Verbot der Eheschließung auferlegen, damit die Nachkommenschaft Abrahams auf diese Weise von selbst aufhöre3. Aber selbst dieser Verzweiflungsruf ist nur ein weiterer Beleg für die aus unserer Zusammenstellung gewonnene Erkenntnis, daß die Fortpflanzung und Vermehrung auf ehelicher Grundlage als eine der höchsten religiösen Pflichten des Judentums angesehen wurde. Zum sinnfälligen Ausdrucke kam der auf Kindersegen abzielende Zweck der Ehe in mannigfachen Sitten und Bräuchen, welche die Eheschließung begleiteten. Die eheliche Verbindung mit einer Jungfrau fand in früherer Zeit am 5. Wochentage statt, weil, wie später begründet wurde, an diesem Tage der Segen für die Vermehrung der Fische ausgesprochen wurde4. Daher entwickelte sich der Brauch, kleine, auf Schnüren aufgezogene Fische vor dem 1 Gen. r. 23, 4. 2 Sotah 12a, Pesikta r. s. 43 180 =־b, Exod. r. 1. 3 B. Bathra 60a, vergl. Tosephta Sotah XV, 10 32214. 4 Kethuboth 5a. Man bracht דגה fruchtbar sein mit דג Fisch in Zusammenhang.