Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 65 (1921)
- Issue
- Heft 1-3 (Januar 1921)
- Article
- Hermann Cohen
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Hermann Cohen: Die Religion der Vernunft ans.den Quellen des Judentums. Reich des reinen Willens^ ist Idee und als solche verschieden von der Idee der Natur. Was sichert den Zusammenhang von Natur und Sittlichkeit, ohne den die sittliche Idee nicht wirklich werden kann? Natur und Sittlichkeit sind nicht der ganze Kosmos der Realität. Sie beide vereint die Realität Gottes. Gott als die Urmacht des Heiligen erschafft die Natur und sichert die unendliche Zukunft der sittlichen Idee. Gott ist die Idee des Guten als Grund und Herrscher des Seins. Der Grundsatz der Wahrheit fordert die Idee Gottes als die Idee des Zusammenhanges von Natur und Sittlichkeit. Der Ideencharakter von Natur und Sittlichkeit gewährleistet diese Forderung. In der Idee Gottes vollendet sich das System der Ideen. Dieser Gott der Ethik aber erhält seinen vollen Sinn erst im religiösen Bewußtsein. Wenn die Ethik sich damit begnügt, das unendliche Ziel der sittlichen Arbeit, die Idee der Gemeinschaft aufzustellen, so schafft die Religion diese Gemeinschaft. Die Tatsache des Leids ruft unser Mitgefühl wach und verwandelt den Nebenmenschen in den Mitmenschen. Der Religion ist das Leid nicht ein Rätsel, sondern ein Sporn zu sozialer Hilfeleistung. Sie grübelt nicht über den Rätseln des Lebens, sondern sieht in dem Armen den Bruder, dem beizustehen; religiöse Pflicht ist. So führt die Religion der Ethik das warme Blut des Solidaritätsgefühls zu. In diesem Sinne haben die Propheten die jüdische Religion vom Mythos geschieden. Nicht die Schicksale Gottes, sondern das Mitgefühl mit den sozial Leidenden steht im Mittelpunkt der jüdischen Religion. Aber kein Mitgefühl der bloßen Rührung, sondern das Mitgefühl, dem die soziale Liebestat entspringt, das die Energie der sittliehen Reformarbeit hervorruft. Wenn das Mitgefühl den Einzelnen aus seiner seelischen Isolierung heraushebt und ihn dem Mitmenschen verbindet, so begründet das Schuldbewußtsein die religiöse Individualität. Im Sündengefühl erfaßt sich das Ich in