Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 64 (1920)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Segan
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 42 (sequence 13)
- Language
- German
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42 Der Segan. c) Dieser ephemere Stellvertreter fahd jedoch niemals Gelegenheit, eine Funktion am Jom Kippur zu versehen. Unter den zehn Hohepriestern, die auf Simon b. Kamithos folgten, kam nichts vor, was das Jom Kippur-Rituale zu ändern geeignet gewesen wäre. Im J. 62 jedoch, da der von Josephus1) als verwegener Sadduzäer geschilderte Anan b. Anan drei Monate hindurch das hohenpriesterliche Amt bekleidete, geschah am Jom Kippur etwas, das uns heute noch nach vielen Jahrhunderten mit tiefer Empörung erfüllt. Dieser Anan hatte die schamlose Frechheit, das Räucherwerk nicht erst im Allerheiligsten, sondern schon im Hechal auf die brennenden Kohlen zu. legen und so einen durch ein ganzes Jahrtausend geheiligten traditionellen Brauch zu durchbrechen. Der eigene Vater stellte ihn hierüber zur Rede2) und der insolente Sohn gab ihm gegenüber seiner Freude Ausdruck, endlich Gelegenheit gefunden zu haben, seine sadduzäische Gesinnung in die Tat umzusetzen. Wann hat das Synhedrion, wann hat die gesamte Priesterschaft, wann hat die ganze V ersammlung im Tempel von t dieser frevelhaften Herausforderung Kenntnis erlangt? Sicherlich erst nach Jom Kippur. Wäre die schamlose Freveltat sofort bekannt geworden, so hätte man den Hohepriester unmöglich weiter seines Amtes walten, sondern aller Wahrscheinlichkeit nach die traditionelle Darbringung des Räucherwerkes vornehmen lassen. Aber von wem? Bot denn der unter dem Einflüße Anans bestellte Vertreter eine größere Gewähr als der sadduzäische Hohepriester selber, dafür, daß er die Ueberlieferung gewissenhaft beobachten werde? Das waren quälende Gedanken, und wir begreifen es ganz und voll, wenn das Synhedrion ein für alle Male die Gewißheit haben wollte, daß wenigstens der zur Vertretung berufene Priester von keiner sadduzäischen Gesinnung infiziert sei, und so wurde an die Stelle des ephemeren ג) Antiqu. XX 9,1.. 2) Joma 19b, 52b, Tosifta 1,8 und meine herm. Antinomie S. 145 f.