Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 64 (1920)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Philons Lehre vom Heiligen Geist und der intuitiven Erkenntnis
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 18 (sequence 11)
- Language
- German
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18 Phiions Lehre vom Heiligen Geist und der intuitiven Erkenntnis. Seelen im diesseitigen Leben das Himmelslicht nicht erkennen können clausae tenelris et carcere caeco1) oder höchstens im Traume sehen können, quae permixti cum corpore animi videre non possunt (Cic. Div. I 129). Von hier aus werden die Widersprüche in Phiions Anschauung besser verständlich, falls man ihn (mit Leisegang) so liest, wie er gelesen werden muß, also nicht etwa jede Interpretation, zu der ein Bibelwort ihn nötigt, für seine wahre Meinung und den so entstehenden Wirrwarr für ״Phiions Lehre“ ausgibt, sondern sich an diejenigen Ansichten hält, die er ohne sichtlichen exegetischen Zwang, ja, vielleicht im Widerspruch mit der LXX vorträgt Entgehen konnte auch er den Dissonanzen des Poseidonios nicht. Denn auch er denkt über die wissenschaftliche Bildung recht hoch und kehrt in seinen Schriften, wie man wohl wird sagen dürfen, den Bildungsphilister stärker heraus, als ihrer dauernden Wirkung zuträglich ist: für den Großstadtprediger bricht sich das schlichte Licht des Bibelwortes nur durch die gemalten Scheiben des modernen, auf der naturwissenschaftlichen Forschung beruhenden Weltbildes. Andererseits erfüllt ihn ein tiefes Sehnen nach unmittelbarer Vereinigung mit der Gottheit; er fühlt und weiß, daß Religion nicht Theologie, also nach stoischer Lehre ein Teil der ״Physik“, sondern unmittelbares Erleben ist. Ja, es ist ganz klar, daß diese, also die der intuitiven Theorie geneigte, Richtung des Denkens bei ihm weit stärker entwickelt ist, als bei Poseidonios. Ist doch Philon im Grunde eine durchaus weitabgekehrte, wirklichkeitsfeindiiche Natur! Die viel angeführte Stelle Spec. Leg. III 1 ff., in der er über die Notwendigkeit seines Ein■־ greifens in die Politik bittere Klage führt, wimmelt zwar von Phrasen aus Poseidonios und erinnert ganz an seinen Tonfall: aber welch ein Unterschied zwischen dem Theosophen, ג) Vgl. Aeneis VI 733. Auf Nordens quellenkritische und exegetische Behandlung der Stelle (und der übrigen, aus dem gleichen Zusammenhänge später anzuführenden) brauche ich den Fachmann wohl nicht zu verweisen.