Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 40 (sequence 7)
- Language
- German
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40 Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. war, von der Kindheit noch, kam mir entgegen. Ich überreichte ihm den von seiner Mutter gegebenen Brief, worauf er mir gleichgültig erwiderte: ich werde mit Gurauer1) schreiben. Als ich ihm aber das Ziel meyner Reise sagte, [und] die Veranlassung [dazu], dann ihm die Briefe zeigte, ward er anderen Sinnes und sprach ganz freundlich mit mir; endlich als er einsah, ich sey nicht ein ignorant, vertraute er mir mehreres und erzählte mir von seinen wissenschaftlichen Adversairen, berühmte sich, er sey auch Gesenius’2) Lehrer gewesen, daß er nun mit Ewald3) versöhnt sey, daß ihm die größten Gelehrten Briefe schreiben et aiia. Seine Ausdrucksweise ist so recht doktorisch, aber bestimmt und gediegen, obgleich er manchmal auch ungrammatisch spricht. Sein Urtheil über Zeitgeist, Reform, Judenthum ist zwar tiefblickend, aber doch den acht jüdischen Ansichten zuwider, daher auch seine Äußerung über B. U., so daß er phanatisch sey, indem er seine neuen Ansichten über Judenthum aus dem Gesichtspunkte einer reinen Ethik betrachtet und daher ihm manches planwidrig. Im ganzen aber lobte er sein Streben und manche gute Ideen. Ja zuletzt forderte er mich auf, ihn demselben zu empfehlen und gab mir auch ein Probeblatt seiner Concordanz mit. Ich sprach immer vertrauter mit ihm, und zuletzt schieden wir als Freunde, indem er mich wieder zu sich lud, wenn anders ich über פסה dableiben sollte, wo dann er mir die »Geschichte der jüdischen Poesie nach Ab- Schluß der Bibel« von Dielitsch4), seinem Schüler im Hebräischen, von dessen schnellen Erlernen er mir Übertriebenes erzählte, zu ג) Welcher Guhrauer gemeint ist, weiß ich nicht. Es könnte an einen Verwandten des Lessingforschers G. gedacht werden, der ebenfalls in der Provinz Posen (in Bojanowo) heimisch war. 2) Vgl. Redslobs Lebensbild in der ADB. IX, 89 ff. 3) Vgl. August Dillmamis Abhandlung über ihn in der ADB. VI, 438 ff. : 4) Gemeint ist Franz Delitzschs Buch »Zur Geschichte der jüd. Poesie vom Abschluß der heiligen Schriften Alten Bundes bis auf die neueste Zeit«. Über Franz Delitzsch s. den ihm von David Kaufmann gewidmeten Nachruf, neu gedruckt in seinen »Gesammelten Schriften«, Band I, S. 290 ff.