Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 39 (sequence 6)
- Language
- German
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Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. 39 einem Onkel zubringe, um desto eher gleich nach den Feiertagen in Ew. Hochw. Kreis eilen zu können, und ich werde mit Gottes Beistand, wenn Reisezufälle fern bleiben, am 5. oder 7. n. M. wohl eintreffen. Zu schwach aber ist meine Sprache, Ew. HW. für das außerordentliche Wohlwollen, das EHW. einem verdienstlosen Unbekannten schenken, als daß ich EHW. danken könnte. Eines ehrenvollen Auftrages von HE. S. Plessner aus Berlin darf ich .mich zu entledigen nicht unterlassen. Er läßt EHW. den herzlichsten Gruß erwidern und berichten, er habe eine briefliche Nachricht aus Hamburg erhalten, daß die dortigen Neuerer von der Kräftigkeit und Wahrheit EHW. Schriften überzeugt seyen. Mögen die göttlichen Ideen auf Alle den Eindruck machen, den Sie auf mich gemacht und die von den Propheten verbeißne goldne Zeit kann nicht lang ausbleiben; das ist der einzige und innigste Wunsch, EHW. Dank und Bewunderung durchdrungen«. Am dimanche (18. Nissan =)23׳.'April fuhr er früh um halb fünf mit seinen Angehörigen nach Leipzig. »Schöne Aussichten, herrliche Gegend, schönerfTag. . . . Um zehn Uhr kamen wir auf die weltberühmte Leipziger Messe. Menschenmassen drängten sich bunt durcheinander, der Grieche mit den vorn herabhängenden Ärmeln neben dem zottig bärtigen Litthauer, der schachernde Jude neben dem Belletristen], der schmutzige Pferdeknecht neben einer zarten Dame« (II, S. 20). Zahlreichen Bekannten aus Wollstein und andern Orten begegnete er. Bei einer Cousine fand er freundliche Aufnahme. Sogleich am ersten Nachmittag suchte er seinen Landsmann Julius Fürst auf, der als Privatdozent an der Universität Vorlesungen über hebräische, chaldäische und syrische Grammatik und Literatur hielt. »Ich schlendere durch den Brühl«, erzählt er, »frage nach der Tauchnitzer Buchhandlung und gelange endlich zu einem erstaunlichen großen Gebäude. Aber so groß es ist, so menschenleer und wüste scheint es zu seyn. Ich begegnete keinem Wesen,. während ich drei Treppen hinanstieg, an jeder Thüre stehen blieb, um den Namen zu erspähen. Endlich fand ich mit lateinischen Buchstaben geschrieben J. F. Das Herz pochte mir, als ich anpochte. Denn zum ersten male im Leben sollte ich einen Döcenten sprechen. Auf das Pochen trat ein bejahrter Mann heraus und wies mich zu einer anderen Thüre. Verbeugend trat ich ein, und ein kleiner Mann, dessen Gesicht mir bekannt