Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Krieg als jüdisches Erlebnis
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Der Krieg als jüdisches Erlebnis. Man hat die Reklametrommel gerührt,'und der bombastische Lärm, der auf dem geduldigen Kalbfell verübt ward, stieß von je feinere Ohren ab. Eines steht fest und duldet keinen Zweifel: wo es. im Feuer galt, ein^n Gefährdeten beizuspringen, wurde wohl überall die Hilfe geleistet, ohne mit der Wimper zu zucken, ohne nach Entgelt oder Auszeichnung zu fragen. Allein, was über dies Selbstverständliche hinausging (es fußte unter Umständen auf der Voraussetzung insgemein erstatteter Wiedervergeltung), ließ sich qualvoll suchen. Wem fiel es ein, die körperliche Preisgabe — fast mechanisch wurde sie gewährt und hingenommen — auf seelisches Gebiet zu übertragen, in geistigem Betracht zu wiederholen? Ohne sentimentalen Überschwang, den Verlogenheit oder backfischartige Schwärmerei dem Begriff des Feldgrauen andichtet, blieb ein jeder für sich allein. Wie er in der Regel den Überfluß seiner Liebesgaben für sich behielt, sein Eigentum vorsichtig und argwöhnisch hütete, so teilte niemand Sorge und Freude. Seelische Vereinsamung war das Los, das keinem der Krieg ersparte, je näher man leiblich zusammenhauste, miteinander aß und trank* wachte und schlief, desto weiter rückte man geistig ab. Das gegenseitige Sichkennenlernen mit seiner unerhört intimen Verflechtung lehrte selten Verwandtschaft: es deckte Verschiedenheit auf. Zur Entfremdung führte es, selten zur Annäherung, schlug rkeine Brücke, sondern höhlte die Kluft. Es bedingte zuweilen eine Reaktion, die desto explosiver sich entlud, je enger der Zwang umschnürte und einpreßte. Die Anwendung auf den jüdischen Soldaten liegt bei der Hand. Für ihn komplizierte sich die Lage in höchster Eigenart. Während meines Feldrabbinats begegnete ich nicht einem, der, fügte es der Zusammenhang, mit dem Ge- .ständnis zurückhielt, eine Überraschung sei ihm widerfahren; nun erst sei es ihm aufgegangen, wie er bisher im Ghetto gelebt habe► Mauern, Graben und Wall, die von der Welt uns scheiden; fielen mit unserer Einbürgerung. Eine Judengasse, winklig und krumm, steht laut behördlicher Anordnung nicht mehr. Aber, staatliche, wirtschaftliche, kulturelle Verschmelzung unangestastet — ward ' vöh ■ uns, Hand aufs Herz, das Schlagwort von der Synthese mit