Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 63 (1919)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Krieg als jüdisches Erlebnis
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2829132-2829892-2829894-2847923--43398-2847944- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
5 Der Krieg als jüdisches Erlebnis. bittere Tränen entströmten dem Auge. Ich merkte es beim Gottes- :dienst; die Gegensätzlichkeit des Raumes, der uns versammelte, (entweder ward er in einer Scheune, einer Baracke behelfsmäßig eingerichtet, oder die Heiligen einer Kirche ■flickten herab), diese Gegensätzlichkeit löste die Vorstellung der heimischen Synagoge aus, beschwor die Gestalten, geliebt und ehrwürdig, die sie einstmals bevölkerten, schöpfte aus dem Born des Erinnerns weihevolle Stunden, den Einzug des Sabbats etwa, den gleicher Klang zu begrüßen :pflegfe isfs nötig, die Stimmung zu zergliedern, die uns gesamt überläm? Ich sah es am deutlichsten, nahte ein -Feiertag. Gewohnt, im vertrauten Kreis ihn zu empfangen, seine innigste, beglückendste Heiligkeit sprießen und aufblühen zu machen unter schirmendem Dadh, än gastlichem Tisch, und nun selbst verbannt und entfremdet, ein unsteter, schutzloser Wanderer — wie mußte ein solcher Kontrast, nicht beschönigt und nicht gemildert, in der Empfindsamkeit wühlen und sie zerreißen! Einen Christen überflog die Ahnung davon höchstens am Weihnachtsabend (da ging er wohl hin und suchte im Rausche Vergessenheit). Was aber betäubte den Juden? Was riß ihn aus dem Heimweh empor, in dessen Tiefe er unaufhaltsam hinabtauchte, gellte der Schofar, oder Kol nidre zitterte um sein Ohr, schimmerte der achtarmige Leuchter vor ihm, oder der Seder lud ihn zum Brote des Elends, ja glänzte auch nur der Schein einer Sabbatkerze? Inder Peßachwoche kam einer in mein Quartier, ich setzte ihm Mazzoth vor; bevor er den ersten Bissen verzehrte, begann er jämmerlich und haltlos zu schluchzen. Solche erschütternde Harmlosigkeit, ins :Gedächtnis unvergeßlich geprägt, überzeugt stärker als langatmiger Phrasenschwall. Sie mahnt an ein Heldentum des jüdischen Kämpfers, das er vor den übrigen voraus hat: dieses Ringemmnd .dieses Siegen umb|iillte kein begeisternder Hurraruf, sie lohnte keine Anerkennung, und kein Orden spreizte sich auf der Brust, die auch Wunden empfing und Narben davontrug. Umgekehrt war es: das Verhalten der Umgebung trug dazu bei, fühlbar den Konflikt zu verschärfen. Der deutschen Armee Kameradschaftlichkeit — man hat ihr tönendes Lied gesungen.