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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1918-01-01 · Heft 1 · p. Seite 13

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
62 (1918)
Issue
Heft 1
Article
Graetzens Geschichtsschreibung
Date
1918-01-01
Page
Seite 13 (sequence 9)
Language
German
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Graetzens Geschichtsschreibung. 13 sich die objektive Forschung zur Aufgabe macht, oder, wie er sich schon am Anfänge seiner historischen Entwicklung ausdrückt: er will bloß zeigen, wie es eigentlich gewesen, findet Graetz bei seinem großen Vorgänger Jost kaum etwas Anstößigeres, als dessen Objektivität und Kälte. Der leidenschaftslose Ranke wendet sich gegen die feurige Leidenschaftlichkeit seines Vorgängers, Niebuhr, der leidenschaftliche Graetz legt Jost nichts schwerer als die Leidenschaftslosigkeit zur Last. Bei ihm ist die Durchdringung der Geschichte seines Volkes zum Erlebnis geworden. Wenn schon von Ranke der größte seiner Schüler, Heinrich von Sybel1) aussagt: »wir haben es vor Augen, wie diese Geschichte (Deutsche Gesch. im Zeitalter der Reformation), in der Seele des Verfassers nicht bloß erdacht, sondern durchlebt worden ist«, so ist diese Äußerung in noch viel höherem Maße auf Graetz zu übertragen. Durch jede Zeile seiner Geschichte schlägt das pochende Herz, das bei den Leiden seines Volkes jammert, wie es bei der Schilderung der wenigen freudigen Tage frohlockt. Diese Subjektivität, von der sich auch die nachfolgende jüdische Geschichtsforschung nicht in dem erforderlichen Maße zu befreien wußte, bildet eine schwache Seite Graetzens, des Historikers, aber eine der stärksten bei Graetz, dem Schriftsteller. Im Zeitalter des Kampfes, als es galt, erst eine neue Wissenschaft zu begründen, für sie die Seelen der zum Teil schon entfremdeten Zeitgenossen zu gewinnen, war diese Subjektivität weitaus mehr nützlich ais schädlich. Und wenn sich der Graetz in dieser Beziehung ziemlich verwandte Macaulay bei der Abfassung seiner meisterhaften »Englischen Geschichte« vorgesetzt hatte: *Für einige Tage den neuesten Moderoman auf dem Tische der jungen Damen zu verdrängen«, ist es Graetz wirklich gelungen, auf dem Tische einer zahlreichen, dem Judentume sich immer mehr entfremdenden deutsch-jüdischen Jugend die fremde Lektüre auf Wochen und Monate zu verdrängen, und in der ganzen nichts weiter, als die alte Gewohnheit der Biographen, die Fehler der geschilderten Personen zu übersehen. n) Vorträge und Abhandlungen 111, 300.

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