Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Graetzens Geschichtsschreibung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 8)
- Language
- German
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12 Graetzens Geschichtsschreibungnot least — schreiten, einem Punkt, der in der Geschichtsschreibung der beiden großen Männer an Bedeutung in die erste Reihe zu rücken ist: der Stil und die Art der Darstellung Ranke erscheint uns auch als Schriftsteller eine Verbindung der trockenen, sachlichen Art der Aufklärungshistorie mit der feurigen, farbenreichen Darstellung der Romantik. Bei Graetz überwiegt diese letztere. Seine Erzählung ist malerischer, sein Stil reicher uud mannigfaltiger. Er ist in jedem Zoll Schriftsteller, ja, oft mehr Schriftsteller, als sachlicher Forscher. Und wenn schon Ranke in der Kritik Darilas schreibt: »Wenn ein poetisches Werk geistigen Inhalt und reine Form verbindet, so ist jedermann befriedigt. Wenn eine gelehrte Arbeit ihren Stoff durchdringt und neue erläutert, verlangt man nichts weiter. Die Aufgabe des Historikers dagegen ist zugleich literarisch und gelehrt, die Historie ist zugleich Kunst und Wissenschaft. Sie hat alle Forderungen der Kritik und Gelehrsamkeit so gut zu erfüllen, wie etwa eine philologische Arbeit, aber zugleich soll sie dem gebildeten Geiste denselben Genuß gewähren, wie die »gediegenste literarische Hervorbringung«, schwebte dieses doppelte Ziel Graetz klar vor den Augen. Ja, der Genuß für den allgemeinen, gebildeten Leser war ihm manchmal noch wichtiger als eine gründliche Durchforschung der Daten. Aus diesem Bestreben heraus ist auch seine Teilung der Darstellung in die eigentliche Erzählung und in die angehängten Noten herausgewachsen, welch letztere Kaufmann dem in den Kellereien einer Zettelbank befindlichen Metallschatz und Barvorrat vergleicht, die immer bereitstehen, um die Wechsel und Scheine gegen bare Münze einzutauschen. Doch wenn wir gerade heutzutage gut wissen, daß auch dies keine absolute, für alle Umstände zweifellose Geltung hat, so finden wir nur zu oft bei Graetz Scheine, die er nicht einlösen könnte, Behauptungen und Theorien, die er kaum richtig zu beweisen vermöchte. Das hängt noch mit einem anderen Element seiner Darstellungsweise zusammen: mit der Präponderanz der Subjektivität1). Denn während Ranke x) Was darüber ßioch und Rippner in der Einleitung zur zweiten Aufl. des ersten Bandes des Graetzschen Geschichtswerks sagen, ist