Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Graetzens Geschichtsschreibung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 11 (sequence 7)
- Language
- German
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Graetzens Geschichtsschreibung, 11 z. B. auf die Relationen der venezianischen Gesandten stützte, ein Standpunkt, den die spätere Geschichtsforschung schon längst überwunden hat, so kann auch Graetz nicht Anspruch auf Vollkommenheit erheben. Er hat zwar nicht so wie der deutsche Historiker sich nur auf eine Art von Quellen festgenagelt; das konnte er auch gar nicht tun. Auch nach der Heranziehung aller verfügbaren Quellen blieben noch so viele Lücken, die nur eine so schöpferische geschichtliche Intuition, wie die eines Graetz, auszufüllen vermochte. Doch war ihm etwas fremd geblieben, was man heutzutage als eine unerläßliche Vorbedingung jeder neueren historischen Forschung ansieht: die Archive. Für Graetz, nicht aber für die meisten seiner Nachfolger, kann man wieder den Entschuldigungsgrund anführen: die kaum übersehbare Fülle des ohnedies zur Verfügung stehenden gedruckten oder bibliothekshandschriftlichen Quellenmaterials. Mit dieser Art der Quellenforschung steht auch die Einseitigkeit in dem Umfange der historischen Behandlung im innigsten Zusammenhänge. Wie bei Ranke sich eine gewisse Reziprozität zwischen der beinahe ausschließlichen Behandlung der politischen Geschichte und der Art der Quelienbenutzung nachweisen läßt, indem er infolge der letzteren auf die erste beschränkt wurde, und umgekehrt durch die Steckung der ersten als Ziel erst zur Genügsamkeit mit der letzteren gelangen konnte, so kann man auch bei Graetz ein derartiges Verhältnis wahrnehmen. Für ihn ist die Geschichte der Juden zu einer Leidens- und Gelehrtengeschichte geworden, und dem entsprachen auch die von ihm benutzten Quellen. Von der Wirtschaftsgeschichte nahm er ebensowenig wie Ranke Notiz. Die Rechts- und politische Geschichte des jüdischen Volkes werden höchstens als Hintergrund für jene ersteren in Betracht gezogen. Die spätere jüdische Historiographie sollte über diesen Standpunkt, ebenso wie die europäische über den Rankes, schon längst hinausgeschritten sein. Doch läßt sich dies in einem bisher kaum genügenden Maße wahrnehmen. Und nun wollen wir zum letzten Punkt der Parallele — last