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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1918-01-01 · Heft 1 · p. Seite 10

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
62 (1918)
Issue
Heft 1
Article
Graetzens Geschichtsschreibung
Date
1918-01-01
Page
Seite 10 (sequence 6)
Language
German
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1© Qraetzens Geschichtsschreibung. irgend eine Schilderung gelang Ranke derart, wie die klassische Skizzierung der seiner ganzen seelischen Art verwandten Charakterköpfe der römischen Päpste. Derben rohen Naturen hingegen steht er so ziemlich machtlos gegenüber, sie entrücken sich seinem sonst so eindringlichen Blicke. Ähnlich bei Qraetz. Er war vor allem Rationalist, Verstandesmensch. Deshalb erscheinen uns die Charakterbilder der halachischen Größen so real und wahrheitsgetreu, so anschaulich und lebensvoll. Doch wie verlegen erscheint er uns, wenn er einer ganz fremdartigen, mystischen Natur begegnet. In das Innere einer derartigen höchst komplizierten Seele eines Kabbalisten oder Chassid kann er nicht einaringen. Er bleibt an der Oberfläche haften. Doch während Ranke entsprechend seiner durchgängigen Objektivität sich wenigstens Mühe gab, die fremdartige Erscheinung zu erfassen, ging der so recht subjektive» jeder mystischen Richtung geschworene Feind, Graetz, an ihr vorbei, ohne auch nur den Versuch zu machen, das Rätsel zu lösen. So verstehen wir, wieso sich vereinzelte ganz mißlungene Porträts neben der wunderbaren Bildergallerie des Meisters finden konnten. r Die philologisch-kritische Methode bei der Behandlung der Quellen, die Ranke mit Recht als ein Hauptvorzug seiner wissenschaftlichen Gründlichkeit angerechnet wird., finden wir auch bei Graetz in einem seltenen Maße. Er war der erste, der in diesem Maßstabe zur Behandlung aller jüdisch-geschichtlichen Fragen all die verschiedenartigsten Quellen heranzog, sie auf das sorgfältigste untereinander verglich, und kritisch mit allen Mitteln der philologischen Gründlichkeit prüfte, um erst dann auf gesicherten Fundamenten seinen großen Bau aufzustellen. Man wird staunen, wie wenig er trotz der schweren und großzügigen Aufgabe, die er sich vorgesetzt hatte, den ihm vorangehenden Darstellungen zu trauen gewillt war, wie er immer auf die ursprünglichen, noch so zahlreichen und schwer zu sichtenden Quellen zurückging, um sie dann bis tief in das Einzelne zu durchforschen. Doch auch hier dürfen wir nicht an ihn mit den Forderungen der Gegenwart herantreten. Wie Ranke sich einseitig zu sehr

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