Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Graetzens Geschichtsschreibung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 9 (sequence 5)
- Language
- German
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Graetzens Geschichtsschreibung. 9 irgendwie gearteten Einfluß von derselben empfangen würdej Ein derartiges Herausreißen aus dem Zusammenhänge mit dem Ganzen kann man noch Graetz verzeihen, da ihm die gewaltige Fülle und Verschiedenartigkeit des behandelten Stoffes, die schier unermeßlichen Schwierigkeiten, die sich ohnedies der Verwirklichung seiner Lebensaufgabe entgegenstellten, zur möglichsten Einschränkung zwangen. Doch auch seine meisten, im Übrigen recht bedeutenden Nachfolger, haben den Standpunkt des Meisters nicht verlassen, und sie verblieben bei dieser einseitigen, gerade für die Schilderung der Entwicklungsgeschichte des jüdischen Volkes, das — wie Graetz selbst sagt — »fühlte, dachte, sprach, sang in allen Zungen der Völker« höchst unzulänglichen Auffassung. Da hat die Historiographie der Zukunft einzusetzen, und wird, wie in manch Anderem, das große Werk des Begründers unserer Geschichtswissenschaft zu ergänzen und zu vervollkommnen suchen. Außer der historischen Ideenlehre finden wir einen, wo möglich in noch größerem Maße ausschlaggebenden Einfluß Rankes auf Graetz in dem zweiten Eckpfeiler der Rankeschen Geschichtsmethode: der historischen Psychologie. Rankes, und in seinen Eußstapfen auch Graetzens, Art war es, auch die weitgehendsten Veränderungen innerhalb der Gemeinschaft durch die bloße Schilderung der leitenden Personen anschaulich darzustellen. Selten hat je ein Historiker so tief in das Innere der geschichtlichen Persönlichkeiten einzudringoi vermocht, wie Ranke und zum Teil auch Graetz; und vorwiegend durch die vorgeführten Einzelpersonen gelang es ihnen, eine ganze Geschichtsperiode zu beleben, sie vor den Augen des entzückten Lesers auferstehen zu lassen. Daß dies sehr oft zur Vernachlässigung der anderen, allgemeineren Elemente der Entwicklung führte, ist klar. Doch was der Gründlichkeit der Forschung dadurch abging, kam in einem vielfach erhöhten Maße dem Glanze der Darstellung dieser beiden fesselnden Schriftsteller zu Gute. Hierbei zeigt sich n och ein gemeinsamer Zug. Beide schilderten in einer meisterhaften Weise die ihnen verwandten Charaktere. Kaum