Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Graetzens Geschichtsschreibung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 8 (sequence 4)
- Language
- German
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Graetzens Geschichtsschreibung. Pragmatismus aufzuhalsen, der mit den Tatsachen ebensowenig gemein hat, wie der eingebildete Realismus eingebildeter Poeten mit allem wahren Wirklichen in dieser Welt, so wurde er (Graetz) doch nicht müde, die innere geistgeborene Entwicklung, die sich in der Erforschung der jüdischen Geschichte ihm aufgedräng hatte, laut zu verkünden.« Dabei nahmen aber beide Historiker diese Ideen als bestehende Mächte an, ohne deren tieferem Ursprünge nachzugehen. Und wenn wir es bei dem Berliner Geschichtsprofessor, der trotz seines gläubigen Sinnes sonst das Gebiet der Theologie von dem der Geschichte strenge geschieden*) fürlieb nehmen, daß er die Ideen auf göttliche Fügungen zurückführte, und wie er selbst sich darüber ausdrückte: »es ist auch hier Theologie«, so wird dasselbe bei dem Breslauer Theologielehrer, gegen den man so oft den Vorwurf erhoben hat, er sei in seiner Geschichtsdarstellung mehr Theologe als Historiker gewesen, nur um so weniger Wunder nehmen. Doch besteht schon da zwischen den beiden Männern ein grundlegender Unterschied: Ranke leugnete alle nationalen Geschichtstheorien, Graetz war ihr begeisterter Verfechter. Ranke suchte und fand die herrschenden Ideen nicht innerhalb der einzelnen Nation, des einzelnen Volkstums, sondern in ihrer internationalen Verkettung im großen germanisch-romanischen Kulturkreise, ein ihm eigentümlicher Standpunkt, der trotz seiner hohen Richtigkeit infolge mehr äußerer Umstände auch von den meisten seiner Schüler und Nachfolger aufgegeben oder vernachlässigt wurde. Graetz bildet den vollständigen Gegensatz. Er ist nicht nur Darsteller der Geschichte eines Volkes, er will sie auch lediglich aus s-ich selbst erklären. Die die jüdische Entwicklung bestimmenden herrschenden Tendenzen entstehen bei ihm und vergehen nur innerhalb des jüdischen Volkes als eines abgesonderten Ganzen. Als ob wirklich irgend eine Gemeinschaft so wie eine Einzelperson ganz von der übrigen Welt abgeschlossen, keinen *) Vgl. darüber u. a. den ausgezeichneten Aufsatz A. v. Reumonts über Ranke im Histor. Jahrbuche der Görresgesellschaft (1886) VII, 630.