Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Graetzens Geschichtsschreibung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 7 (sequence 3)
- Language
- German
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Graetzens Geschichtsschreibung. 7 durchgängige Parallele zwischen dem größten Historiker der deutschen Nation und dem eigentlichen Begründer der historischen Wissenschaft der Juden, das richtigste Licht auf die Methodik wie die ganze historiographische Stellung dieses letzteren wirft und uns die volle Bedeutung des jüdischen Historikers so recht zum Bewußtsein bringt1). Vor allem war beiden Geschichtsschreibern ein Grundprinzip ihrer historischen Anschauung gemeinsam: die zuerst von Wilhelm von Humboldt eingeführte historische Ideenlehre, die Lehre von den in jedem Zeitalter herrschenden Tendenzen, die die Entwicklung der Staaten und Nationen bestimmen, und auch auf das Leben und Wirken Einzelner von unermeßlichem Einflüsse sind. Weit davon entfernt, nach der Hegelschen, jener grundverschiedenen teleologischen Ideenlehre, überall in der Geschichte nur die fortschreitende Entwicklung des absoluten Geistes zu sehen, erkannten doch die beiden Historiker, daß hinter den Einzelheiten sich tiefe Zusammenhänge verbergen, daß die herrschenden Tendenzen einer jeden Zeit erst den richtigen Hintergrund für das ganze geschichtliche Geschehen darstellen, und deshalb gründlich zu erforschen seien. Und wenn Ranke schon in einer im jahre 1839 gehaltenen akademischen Rede es sozusagen als sein Programm hinstellt: »Wie schon die Historie darnach trachtet, die Reihenfolge der Begebenheiten so scharf und genau wie möglich aufzurollen und jeder derselben ihre Farbe und Gestalt wiederzugeben, so bleibt sie doch bei dieser Arbeit nicht stehen, sondern sucht bis zu den tiefsten und geheimsten Regungen des Lebens, welches das Menschengeschlecht führt, hindurchzudringen«, finden wir dasselbe — man kann ruhig sagen — in noch verstärktem Maße bei dem großen Historiker der Juden. Und auch da trifft die geistreiche Äußerung Kaufmanns zu: »Denn ohne in voreingenommener Hegelei eine Bewegung der Begriffe in der Geschichte schauen zu wollen und den Ereignissen einen 2) Vgl. über Ranke 11. a. den vorzüglichen Abschnitt in E. Fueters, Historiographie S. 473 ff.