Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Graetzens Geschichtsschreibung
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829887-2829889-2847819--43039-2847847- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6 Gvaefzens Geschichtsschreibung. die gewaltige forschende wie sammelnde, kritische wie zusammenfassende Arbeit auf allen Gebieten des jüdischen Wissens. Erst nach all diesen so fruchtbaren Vorarbeiten konnte ein neuer großzügiger Versuch einer Synthese unternommen werden, und wenn wir auch bei Graetz hin und wieder einer Verkennung, ja Ableugnung der Verdienste seiner Vorgänger begegnen, wenn wir von ihm namentlich ein vielleicht allzu hartes Urteil über jost vernehmen, dem er doch als dem eigentlichen Bahnbrecher und Wegweiser soviel zu verdanken hatte, so dürfen wir uns über den Kern der Sache nicht täuschen lassen. Über dem wenigen Unterschiedlichen wurde das viele Gemeinsame vergessen, und Graetz hätte ebensowenig ohne diese Vorgänger seine Höhe erreichen können, wie Jost vierzig Jahre später nach derartigen Vorarbeiten in dem von ihm dargestellten Anfangsstudium unserer Historie verblieben wäre. Doch vierzig Jahre waren eben inzwischen verflossen, und Graetz bedeutete iri der Tat jost gegenüber einen gewaltigen Fortschritt. Dieser gründet sich nicht nur auf die größere Reichhaltigkeit des Stoffes nach den erwähnten Vorarbeiten, sondern in viel höherem Maße auf die Neuartigkeit der Methode sowohl der Quelienbehandiung, wie der großzügigen Darstellung. Aber auch diese Neuartigkeit läßt sich nur aus den Veränderungen erklären, die inzwischen in der europäischen, und namentlich deutschen Historiographie vor sich gegangen waren, Veränderungen, die sich zum großen Teile an den Namen Leopold von Rankes knüpfen. Ranke hatte auch auf Graetz einen ganz gewaltigen Einfluß ausgeübt, und wenn er auch, wörtlich genommen, nicht sein Lehrer war (er war Professor in Berlin, Graetz studierte bekanntlich in Breslau), so stieg schon zu jener Zeit, nach dem Erscheinen der beiden Hauptwerke über »Die römischen Päpste« (1834—37) und »Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation« (1839—47), der Einfluß des großen Berliners immer höher, und diesem konnte gerade der geistesverwandte Graetz am wenigsten entraten. Die Ähnlichkeit ist so groß, die Berührungspunkte sind so zahlreich, daß schon eine