Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 6)
- Language
- German
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Besprechungen. 77 Vorwurf eines Renan und Chambeflain, daß wir keinen Mythos haben, in sich selbst zusammen. Es ist, als wollte man der Naturwissen* schaft den Vorwurf machen, daß sie die optischen Täuschungen nicht zur Grundlage ihrer Erkenntnis nehme. Danach wäre es müßig, einen Beweis zu erbringen, daß das Judentum doch einen Mythos habe. Noch mehr aber tritt der Verfasser in Widerspruch mit sich selbst durch seinen Grundgedanken, daß der eigentliche Geist des Judentu ms Mystik und Mythos sei. Ja ähnlich den griechischen theogonischeti und kösmogonischen Mythen stellt er den jüdisch-monotheistischen Gottesbegriff als ein Produkt mythischer Entwickelung dar. Ursprünglich habe ein Monoplüralismus vorgeherrscht, und eine Häuptgottheit habe die Attribute aller andern Gottheiten übernommen, wie ja der dämonische Charakter des jüdischen Eingottes noch in dem Worte »Schaddai« nachklinge. Hier nun liegt eine interessante wissenschaftliche Täuschung. Gewiß, Religion und Mythos sind eng verwebt Und verwachsen. Ja mythologische Dichtungen überwuchern oft bis zur Unkenntlichkeit den reinen Kern der Religion. Letztere schöpft, oft Impuls, oft gar den Gegenstand vom Mythos. Aber Wenn auch beide vereint auftreten, so bedeutet das noch nicht, daß Beide identisch sind. Sie entspringen verschiedenen Wurzeln, verschiedenen Grundformen der Seele. Der Mythos ist das Produkt der wohl schönen, aber uns oft täuschenden mythenbildenden Phantasie, die Religion hingegen entspringt einem abstrakt ethischen Bedürfnisse. Auch Wundt in seiner Völkerpsychologie weist darauf hin, daß wir die Begriffe Mythos und Religion nicht verwechseln dürfen. Mit feinem psychologischen Takte hatten die alten Schriftgelehrten den rationalistischen Kern der Religion von den berauschenden Blumen des Mythos und der Mystik befreit. Sie betrachteten diese Gebiete nttf als »Pardes«, als einen Garten, als eine Art Poesie (Agadä), in dem man sich nach dem Studium der Halacha ergehen und ergötzen kann. Da nun Religion und Mystik verschiedene Gebiete sind, könnte man fast die Behauptung wagen, wenn jemand aus dem Ideengehalt des Judentums die Kabbala und alle sonstigen mystischen Elemente streichen wollte, so wäre das Judentum gewiß um eine schöne Gedankenpoesie ärmer, aber sein Geist und seine Religion würden intakt bleiben. So wenig der Geist der heiligen Schrift darunter gelitten, daß man die mythischen Apokriphen aus dem Rahmen derselben ausschied. Der jüdische