Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 76 (sequence 5)
- Language
- German
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76 Besprechungen. stehung des Mythos. Der Mensch sieht alles in der Kette von Grund und Folge. Es gibt aber Ereignisse, die mit dämonischer Gewalt in unser Leben eingreifen, wo selbst der zivilisierte Mensch die Fessel der Kausalität abstreift, und dieses Geschehen als Äußerung eines zentralen, göttlichen Sinnes erkennt. Dies ist der Mythos. Motorisch beanlangt, reagiert der Jude viel intensiver, als er empfängt. Den Sinn für Wirklichkeit, der dem Juden abgeht, ersetzt ihm das Pathos. Das heißt das Wollen des Unmöglichen, »die Vermählung mit Gott, der Sivvug.« In talmudischer Zeit wurde das Mysterium nur einem »Meister in Künsten und kundig des Flüsterns« anvertraut. Zwischen dem VII.—XIII. Jahrhundert entstanden das Buch Jezira und Sohar. Das Martyrium entzündete den Blitz der Extase. So verlieh die Vertreibung der Juden aus Spanien der Kabbala den großen messianischen Schwung, der in Lurja seine Spitze erreichte und den Zusammenbruch in der Bewegung des Sabbatai Zevi. Die Judenmetzeleien unter Chimielnitzki schufen in der Ukraine ähnliche Voraussetzungen. Es entstand der Chassidismus, der Ethos gewordene Kabbala ist. Leider verlangte dieser eine Intensität, die das Volk nicht zahlen konnte, so entstand die Institution des Mittlers, des Zaddik, das Volk wurde wieder seines Kostbarsten, des eigenen Suchens, beraubt. — Der Grundgedanke des Werkes ist somit, daß nicht das talmudisch-rabbinische Judentum den motorisch-orientalischen Geist vertritt, sondern die Mystik (Kabbala)' und ihre Vertreter, die aber bisher nicht zur Herrschaft gelangen konnten. Nur von einer Wiedererrichtung, einer ideal-jüdischen Menschengemeinschaft in Palestina sei die Auferstehung des jüdischen Geistes zu erwarten. Der Verfasser versteht in wenigen Kapiteln tiefe, interessante, wissenschaftliche Erkenntnisse in möglichst angenehmem Vortrage vorzuführen. Wir wollen bloß einige Bemerkungen an diese knüpfen Modern-wissenschaftliche Schulung beweist der Verfasser, daß er die Entstehung des Mythos psychologisch begründet. Bei Ereignissen, die wir mit der uns angeborenen Kategorie der Kausalität nicht erklären können, postulieren wir eine irrationale, göttliche Macht. Das ist Mythos. Die mythenbildende Phantasie ist somit, wenn auch ein schöner, doch ein uns täuschender Grundakt des Seelenlebens, wie etwa das metaphysische Bedürfnis nach Kant und die optischen Täuschungen. Es ist mehr oder minder ein asylum ignorantiae, berufen, Schwächen und Lücken unserer Erkenntnis zu ersetzen. Demgemäß bricht der