Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829881-2829883-2847712--42562-2847800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Besprechungen. 73 Gedanken der Völkerpsychologie. Merkwürdig aber ist es, daß das Judentum selber bis heute noch keine systematische völkerpsychologische Darstellung gefunden. Den ersten Anlauf hierzu haben wohl die beiden verdienstvollen Begründer in einzelnen schönen Aufsätzen versucht, doch können diese als ein vollständiges System nicht in Betracht kommen. Das Werk Buber’s ist — wenn auch unbewußt — der erste Versuch einer völkerpsychologischen Darstellung des jüdischen Geistes. Allerdings war die Hauptabsicht des [Verfassers, dem zionistischen Ideale eine psychologische Berechtigung zu erweisen. Auch dürften ihm gewisse apologetische Zwecke vorgeschwebt haben. Die Abhandlung erhebt sich weit über den Rahmen gewöhnlicher Propaganda- Schriften. Die geschichtsphilosophischen und psychologischen Ideen sind streng wissenschaftlich durchdacht und mit schriftstellerischer Gewandtheit dargestellt. Wenn wir auch nicht mit dem Grundgedanken des Werkes übereinstimmen, so verdient dasselbe doch eine eingehende Darstellung und Besprechung in dem Rahmen dieser Zeitschrift. >% Den Rassentheoretikern gegenüber macht der Verfasser geltend^ daß der Orient — im weitesten Sinne — mit seiner motorischen Geistesstruktur eine Einheit von gleichartiger Vitalität bildet im Gegensatz zum Occident, den eine mehr sensorische Geistesrichtung charakterisiert. Beim motorisch veranlangten Menschen, also beim Orientalen, ist der psychische Grundakt centrifugal. Der Antrieb geht vom Mittelpunkt der Seele aus, und wird zur Tat. Er ist noch mit dem dunklen Drange des Organismus verbunden. Sein Charakter bewährt sich als Pathos der Forderung, d. h. da das Sein entzweit ist, in Gut und Böse, ja und Nein, Sein und Schein usw. soll der Mensch diese einigen. Der Pfade sind wohl viele, aber der Weg nur einer, Es ist der Weg Gottes zur Wahrheit. Das verkündet der Inder in der Vedenta, Der Chinese im Tao, der Perser in der Avesta. Der Geistestypus der Occidentalen hinwieder ist sensorisch, centripetal, d. h. der Eindruck fällt von außen in seine Seele, wird zum Bilde. Alles steht unter dem objektiven Gesichtssinn, deshalb war auch die reine Gestalt der Triumph der Griechen. Er sieht Alles im Raum, im Nebeneinander, im Gegensätze zum Orientalen, der Alles hauptsächlich in der Zeit, im Nacheinander, sieht. So sieht z. B. Platon nur ruhende Ideen.