Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1917-01-01
- Page
- 72 (sequence 1)
- Language
- German
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Besprechungen. Buber, Martin. Vom Geiste des Judentums. Leipzig, Kurt Wolff, 1916. 192 S., 8. Die Begründung der Völkerpsychologie durch Lazarus und Steinthal bedeutet einen Wendepunkt in der Geschichte der Geistes wissenschäften. Alle die großen Zentralgebiete des Geistes, wie Sprache, Religion, Mythus, Kunst, Sitte, Recht usw. wurden zunächst historisch behandelt, oder man stellte ihre Gesetzmäßigkeit fest und versuchte hinterher eine teleologische oder metaphysische Erklärung der Vorgänge. Und dabei ließ man es bewenden. Nun aber hatten diese beiden Forscher darauf hingewiesen, daß alle diese Erscheinungen letzten Endes ihre Wurzel in der Psyche des Menschen haben, und daß deren Gesetzmäßigkeiten die associativen und apperceptiven Gesetze des Geistes wiederspiegeln. Lazarus popularisierte diesen Gedanken in seinen schön geschriebenen Werken. Steinthal hinwiederum versuchte seine wissenschaftliche Anwendung auf sein Spezialgebiet, die Philologie. Er wurde dadurch der Begründer der sogenannten »neugrammatischen Schule«, deren Hauptvertreter Herman Paul und Wundt sind. Beide griffen wohl das Programm an, das Programm, aber nicht die Daseinsberechtigung dieser neuen Wissenschaft. Mit gleichem Glücke unternahm Steinthal die Anwendung seiner Wissenschaft auf die Gebiete der Ethik, der Ethnologie, speziell des Mythus. Welch einen fruchtbaren Keim Steinthal ausgestreut, beweist der Umstand, daß Wundt und seine Schule sich auf den Gebieten der Ethik, Sprache, Religion, Kunst, Mythus usw. ganz in den Rahmen bewegen, die er vorgezeichnet. Nur nimmt Wundt nicht wie Steinthal die Herbarfsche Psychologie zur Grundlage, sondern seinen eigenen psycho-physischen Parallelismus. Auch die Sociologie wird heute in Deutschland unter Führung G. Simmels zum Teile auch im Auslande völkerpsychologisch behandelt. Warum es gerade zwei jüdischen Denkern Vorbehalten blieb, diese Großtat der Wissenschaft zu vollziehen, erzählt uns Lazarus. Der Zukunftsgedanke einer Einheit und Gleichheit der Menschen, wie ihn das Judentum verkündet, brachte uns auf den