Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lazarus Bendavid
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 44 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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44 Lazarus Bendavid. wunderbare Erhabenheit der prophetischen Verkündigungen war den Juden jener Länder fast vollständig verloren gegangen. Vor den gewaltsamsten Deutungen nicht zurückschreckend, machten sie das Bibelwort zu einem Spiel ihres Witzes, das ihnen umso größere Bewunderung eintrug, jemehr sie durch eine Verkehrung des eigentlichen Sinnes den Leser oder Hörer zu überraschen wußten. Aber die Schuld daran trug die durch das Qhettoleben erzeugte innere Verkümmerung der Juden, die Beschränkung aller geistigen Interessen auf das Talmudstudium, dessen Dialektik auch auf die Bibel, soweit man sich mit ihr überhaupt beschäftigte, übertragen wurde. Für eine solche geschichtliche Auffassung hat Bendavid keinen Sinn; ihm hat das Vorurteil den Blick getrübt, und so glaubte er, was der Zwang der Verhältnisse erzeugt hatte, als eine absichtliche Irreführung erklären zu müssen. »Denn der Grund zu dieser vormaligen Vernachlässigung des Bibelwortes sowohl, als zur Herabwürdigung der sogenannten Bibelerklärer scheint mir nur der zu sein, warum man im Papsttum das Bibellesen jedem Laien untersagt hat. Die Priester beider Kirchen sehen es sehr gut ein, wie wenig von dem ausgeübten in der Bibel stehe, und wieviel in ihr stehe, was nicht ausgeübt wird 1). Bei dieser Gelegenheit kommt er auf Mendelssohns Bibelübersetzung zu sprechen, der er dasselbe Verdienst um das Judentum zuschreibt, wie es die lutherische Übersetzung um das Christentum gehabt habe. »Das große Verdienst Luthers um die Christus-Religion, daß er den Angehörigen derselben die deutsche Übersetzung der Bibel in die Hand lieferte und dadurch den ersten und vielleicht wichtigsten Schritt zur religiösen Aufklärung unter den Christen tat — dieses Verdienst erwarb sich Mendelssohn um die Juden, und die Folgen davon, wenn man sie nur ruhig abwarten wollte, werden ersprießlicher sein, als man denkt. Darum sei sein Andenken jedem humanen Menschen wert; aber darum ist es bei dem, wenn ich mich so ausdrücken soll, papistisch gesinnten Juden ein Abscheu. l) Philosophische Aufsätze S. 122 f.