Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lazarus Bendavid
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829881-2829883-2847710--42519-2847759- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
32 Lazarus Bendavid. dem Gottesdienste in der großen Synagoge teilzunehmen, da der in den kleineren Synagogen seinem Andachtsbedürfnis nicht genügte. Die vorgeschriebenen Fasttage wurden von ihm auf das strengste beobachtet1). Aber bald darauf vollzog sich eine vollkommene- Wandlung in seinem religiösen Denken und Leben, und zwar merkwürdiger Weise durch die Bekanntschaft mit einem Handbuch der Mythologie, mit Bannier’s und Damm’s Götterlehre. Die Propheten der Christen und der Muselmänner, so berichtet er, konnten meinen Glauben nicht erschüttern: sie waren später als die des alten Testaments, das sich gegen jede spätere Prophezeiung genug verwahrt hat. Aber daß die Geschichte uns von Griechen und Römern auch Orakel aufbewahrt hat, daß man diese, wenn man nicht alle Glaubwürdigkeit der Geschichte verwerfen will, doch nicht wie Lügen behandeln darf, daß daher für den mosaisehen Glauben kein besserer Gewährsmann vorhanden ist, als für den der Heiden —das war es, was mich bestürmte und meine Ruhe störte.« Wir können die knabenhafte Unreife nur belächeln, die sich darin zu erkennen gibt. Die oberflächlichste Aufklärung über die Religionsgeschichte hätte den jugendlichen Grübler über seine Zweifel beruhigen können. Für Bendavid aber, der jeder pädagogischen Anleitung entbehrte, sind diese Zweifel, die er aus sich heraus nicht überwinden konnte, zu einem Verhängnis geworden. »Von diesem Augenblick an, so fährt er fort, war mein Religionssystem für immer entschieden: es stand den Resultaten nach, wenn auch anders begründet, fest, wie es noch heute steht. Mit Aufgebung alles Positiven behielt ich den Glauben an Gott, an Unsterblichkeit und eine bessere Zukunft, und nicht nach und nach, sondern mit einmal hörten meine jüdischen Andachts- Übungen auf, beobachtete ich kein einziges Zeremonialgesetz mehr, besuchte ich die^Synagoge nur dann, wenn meine Eltern es verlangten, und ging in christliche JKirchen, um mein Ohr an dem Herzerhebenden der Orgel und meinen Geist an den Reden der Prediger zu weiden2).« So war der gläubige Talmudjünger r) Das. S. 27. 2) Das. S. 32—35.