Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lazarus Bendavid
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 29 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Lazarus Bendavid. 29 deutschen Kulturleben vertraut geworden, das sie mit umso heißerer Liebe umfaßten, je schwerer sie sich, im alten Judentume wurzelnd, den Zutritt zu ihm hatten erkämpfen müssen, erblickten sie das einzige Heil für ihre unglücklichen Glaubensgenossen darin, sie aus der dumpfen Atmosphäre des Ghettolebens zu befreien und ihnen die Pforten des gelobten Landes zu erschließen, das sie für sich selber in dem deutschen Geistesleben glaubten gefunden zu haben. Wie den Vertretern der Aufklärung überhaupt, Mendelssohn miteinbegriffen, der von Leibnitz so stark betonte Gedanke einer geschichtlichen Entwicklung innerlich fremd geblieben war 1), so fehlte auch ihnen der historische Sinn, die Einsicht, daß eine Umgestaltung der äußeren und inneren Verhältnisse einer Gemeinschaft nur durch eine organische Entwicklung von innen heraus, durch eine allmähliche Anpassung an die neuen Kulturfaktoren ohne eine gewaltsame Loslösung von dem geschichtlich Gewordenen herbeigeführt werden könne. Sie begriffen nicht, daß jede geschichtliche Erscheinung ihre eigentümliche Natur und ihre besonderen Voraussetzungen habe, daß sie nicht an einem ihr fremden Maßstabe gemessen, sondern in ihrem eigenen Geist beurteilt und dargestellt sein wolle. Dem inneren Wesen des Judentums, wie es sich geschichtlich herausgebildet hatte, verständnislos gegenüberstehend, identifizierten sie das Judentum mit den kleinen Auswüchsen und Schwächen, die ihnen am Judentum ihrer Zeit entgegentraten, und an der Möglichkeit einer inneren Regeneration verzweifelnd, glaubten sie, das Judentum willkürlich nach ihrem eigenen Kopfe ummodeln zu können durch den rückhaltslosen Anschluß an die Kulturideen der Zeit, in die sich ihnen von ihrem rationalistischen Standpunkt aus die Grundgedanken des Judentums auflösten. Sie hatten von den Mendelssohnschen Bestrebungen nur die eine Seite erfaßt, die Tendenz, das Judentum in das Kulturleben ihrer Zeit einzuführen. Für die andere, die Wahrung und Pflege des jüdischen *) Vgl. Kuno Fischer, Geschichte der neueren Philosophie (4. Aufläge) B. III S. 655.