Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lazarus Bendavid
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 28 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Lazarus Bendavid. sollte auch die von ihm erstrebte Umgestaltung und Erneuerung des Judentums sich vollziehen. Aus der Abgeschlossenheit des Ghetto wollte er seine Glaubensgenossen der Anteilnahme an dem Geistesleben ihrer Zeit zuführen; aus der materiellen Not, der geistigen und sittlichen Verkümmerung, welche der lange Druck in ihnen erzeugt hatte, wollte er sie durch die Beseitigung der ihre naturgemäße Entwicklung hemmenden äußeren und inneren Schranken erlösen und für den Eintritt in das staatsbürgerliche Leben vorbereiten. Dabei aber sollte ihr religiöses Leben unangetastet bleiben, eine günstigere Gestaltung ihrer äußeren Verhältnisse durch keine Vergewaltigung ihres religiösen Gewissens erkauft werden. Nichts ist bezeichnender für die Gesinnung Mendelssohns und für die Tendenz seiner Reformbestrebungen, als daß er sich der Bibel als Mittel zu deren Verwirklichung bediente, daß er durch die Veranstaltung seiner Bibelübersetzung seinen Glaubensbrüdern einerseits ein besseres Verständnis der heiligen Schrift erschließen und andererseits die für ihre kulturelle Hebung unerläßliche Kenntnis der hochdeutschen Sprache vermitteln wollte. Auf diesem Wege sind ihm seine Jünger nicht gefolgt. An dem besten Willen, die Aufgabe ihres Meisters fortzuführen, hat es manchen unter ihnen gewiß nicht gefehlt. Aber sie ermangelten der inneren Ausgeglichenheit, der Geschlossenheit des Charakters, die Mendelssohn in so hohem Maße ausgezeichnet und zur Erfüllung seiner Aufgaben befähigt hatten; sie scheiterten an der Einseitigkeit, mit der sie die von Mendelssohn übernommene Aufgabe erfaßten, und durch die sie sich um das Vertrauen derer brachten, denen ihre Wirksamkeit gewidmet war. Mit dem gegangen, aber der Elende habe ihn mit den fadesten Ideen des Unglaubens unterhalten, und da er sich, seiner religiösen Grundsätze wegen, geweigert, von dem Weine zu trinken, den ihm Edelmann vorgesetzt, so habe er hören müssen: Wir starken Geister bedürfen ja keines Zwanges und können einzig unserer Neigung folgen. Er habe daher nach seinem Hute gegriffen und sei gegangen, entschlossen, nie wieder mit einem so elenden Schwätzer Gemeinschaft zu haben.«