Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Lazarus Bendavid
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 27 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Lazarus Bendavid. 27 Anschauungen des Judentums, vor dem Zeitbewußtsein zu rechtfertigen. Um jeden Zwiespalt in seinem Denken und Handeln zu verhüten, hatte er in seinem Jerusalem eine Theorie aufgestellt, die nicht ohne Grund vielfach angefochten wurde, und die auch uns nicht so ganz unbedenklich erscheint. Das Judentum lehrt nach ihm ein Religionsgesetz, das, einer göttlichen Offenbarung entstammend, für seine Angehörigen als unbedingt verbindlich zu betrachten sei, aber keinerlei Glaubensnormen oder Dogmen, für die es, abgesehen von der aus ihrer Vernunftgemäßheit sich ergebenden inneren Begründung, eine bindende Kraft in Anspruch nähme. Das war ein Standpunkt, der allerdings der Eigenart Mendelssohns auf das Vollkommenste entsprach, auf dem der Philosoph und der gesetzestreue Jude einander friedlich die Hände reichen konnten. Aber das war doch auch ein Verzicht auf eine vernunftgemäße, zu einer inneren Überwindung der Gegensätze führende Begründung der religiösen Überlieferung. Und gerade in unseren Tagen haben wir alle Veranlassung, diese Auffassung Mendelssohns abzulehnen, die geeignet erscheint, der gewissermaßen auf eine Entgeistigung des Judentums gerichteten Tendenz mancher protestantischen Theologen Vorschub zu leisten, die, um die weltgeschichtliche Bedeutung des Judentums herabzudrücken, es zu einer bloßen Gesetzesreligion zu stempeln suchen. Allein für die Reformbestrebungen Mendelssohns war es doch von unschätzbarem Wert, daß er es verstanden hatte, in seiner Person modernes Kulturleben und unverrückbares Festhalten an der Tradition des Judentums zu vereinigen, daß er auch als deutscher Philosoph der fromme Rabbi geblieben war, der auch im Verkehr mit seinen Christliehen Freunden die Vorschriften des jüdischen Religionsgesetzes mit peinlicher Gewissenhaftigkeit erfüllte1). Auf diesem Boden *) Bezeichnend hierfür ist der Bericht eines christlichen Bekannten Ch. M. Paul’s in der Zeitschrift Jedidja II, 1 (1818—1819) S. 240: »Von der religiösen Gesinnung des lieben Mannes kann folgendes zeugen: Er kam einst merkbar aufgebracht zu mir und erzählte mir, daß er eben den bekannten Religionsspötter Edelmann verlassen habe. Auf vielfältige Einladungen, die er von demselben erhalten, sei er zu ihm