Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Fremde ist der Feind
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Der Fremde ist der Feind«. 5 ausübte, entwickelte sich infolge einer ausgleichenden Gegen- Strömung, die jenen Eindruck abzuschwächen und aufzuheben suchte, die Tugend der Gastfreundschaft. Sie wurde zu einer Höhe emporgehoben, die sie nur in kraftvoller Überwindung des Tiefstandes, zu dem der Begriff des Femden herabgesunken war, erreichen konnte, und der ursprünglich als Feind angesehene Gast — der Ursprung dieses deutschen Wortes ist nicht hospes, sondern hostis, der Feind — wurde jetzt der Gegenstand der Liebe und zartesten Aufmerksamkeit, aus dem peregrinus, dem rechtlosen und verachteten Landfremden, wurde der Pilgrim oder Pilger, der überall zu Hause war und dem die fromme Verehrung entgegenkam. Der berühmte Rechtslehrer Jhering hat die Begründung der Gastfreundschaft den Phöniziern zugeschrieben. Es ist glaublich — phönizische Schriftwerke gibt es nicht, — daß die Phönizier, die wegen ihrer weiten Reisen auf den Genuß der Gastfreund- Schaft am meisten angewiesen waren, sie auch selber übten, und daß diese Tugend von ihnen aus auf die Griechen überging, unter denen wir sie, wie bei Homer und anderen, bereits in großer Entfaltung und in hohem Ansehen finden. Aber schon die Bibel des Volkes Israel weist der Fremdenliebe ihren Platz unmittelbar neben der Nächstenliebe an, und es ist gewiß nicht zufällig, daß die erste Bekanntschaft, die sie uns mit dem Stammvater dieses Volkes, Abraham, vermittelt, eine Schilderung seiner Gastfreundschaft ist (1. B. Mos. 18,1 ff.). Überdies wird an nicht weniger als neunundvierzig Stellen der Bibel dem Volke Israel die zarteste Rücksicht gegen den Fremden vorgeschrieben. Kein Feiertag, kein Volksfest, keine Ernte, noch Weinlese, bei welcher Gelegenheit nicht zuerst der Fremde zur Teilnahme an der Freude beranzuziehen ist. jhering muß sich vor dieser tiefgründigen und ausgebreiteten Verherrlichung der Gastfreundschaft die Augen verschlossen haben, um ihre Urheberschaft den Phöniziern zuzuschreiben. Es ist übrigens kein Wunder, daß die Bibel dem Volke Israel so nachdrücklich die liebevolle Behandlung des Fremden ans Herz legt, denn nur wer gleich diesem Volke das Elend der Fremde bis zur Neige ausgekostet hat, wird geneigt