Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Fremde ist der Feind
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 *Dei Fremde ist der Feind«. sein, in dem Fremden den Gastfreund zu sehen und zu liebem Darum erinnert die Bibel das Volk Israel daran: »Ihr wißt, wie es dem Fremden zu Mute ist, denn Fremde wart ihr im Lande Egypten« (2. B. Mos. 23, 9). Wir sind mit dieser Untersuchung von unserem eigentlichen Gegenstände, dem Kampf gegen die Fremdwörter, weit abgekommen, jedoch nur scheinbar. Die Wörter sind wie die Menschen, sie haften nicht an der Scholle, sondern sie wandern, und wie die Menschen ihre Heimat verlassen, um sich in einem anderen Lande anzusiedeln, so die Wörter in einer anderen Sprache. Man kann sie dann auf zweierlei Art behandeln, entweder so, wie einst die Fremden behandelt wurden, daß man sie die Fremde fühlen läßt und sie »ausreißt in Zorn und Grimm und großer Wut«, oder so, daß man sie wie Gastfreunde aufnimmt und ihnen liebevoll entgegen kommt. In aufgeregten Zeiten, wie in dem jetzigen Weltkrieg, der selbst die Menschen einander entfremdet, wird man leicht in das erstere Verfahren zurückfallen, in ruhigen Zeiten wird man zu dem letzteren geneigt sein. Es kommt freilich auch auf die Wörter selbst an: die fremd bleiben wollen, werden sich bei uns, und wir werden uns bei ihnen niemals zu Hause fühlen. Solche Wörter sind Zugvögel: sie kommen, bleiben eine Zeitlang, und verschwinden, auch ohne daß man sie wegjagt. Diejenigen Wörter aber, die sich unsrer Sprache anpassen, haben Anspruch auf unsre Gastfreundschaft, die sich ja früher oder später in eine völlige Einbürgerung verwandelt Dies scheint die aus der Geschichte des Völkerverkehrs und der Kultur sich ergebende Richtschnur zu sein, die unser Verhältnis zu den Fremdwörtern bestimmen muß. Kein Geringerer, als Melanchthon, hat die Vermutung ausgesprochen, daß Germania von dem hebräischen Ger. d. ■h* Fremdling abstamme. Die Vermutung ist sicher falsch, aber als ein Wort aus solchem Munde darf sie für die deutsche Sprache eine Mahnung sein, daß sie nicht grundsätzlich den Feldruf des Altertums erneuere: »Der Fremde ist der Feind«. □