Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 61 (1917)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der Fremde ist der Feind
- Date
- 1917-01-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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3 »Der Fremde ist der Feind«. gesagt: »Wir werden das Evangelium nicht behalten ohne Sprachen.« Er hat trotz seiner Befürwortung fremder Sprachen die deutsche Sprache nicht verfremdet Dagegen haben die anderen Reformatoren sogar ihre eigenen Namen verfremdet, verlatinisiert oder vergräcisiert, und, komisch genug, ist es Luther selbst so mit dem von seinem Namen gebildeten Eigenschaftswort ergangen, das man lutherisch (also lateinisch, mit Betonung der zweiten Silbe), und nicht auf deutsche Art lutherisch (mit Betonung der ersten Silbe) ausspricht. Man mag die Sache drehen und wenden, wie man will: ohne auf den Ursprung des Kampfes gegen das Fremdwort zurückzugehen, wird man sich über dieses und seine Behandlung nicht klar werden. Dieser Ursprung ist in der Kampfesweise der alten Völker zu suchen. Im Altertum bestand die ultima ratio des Siegers darin, das besiegte Volk aus seiner Heirqat auszuheben und in fremde Gegenden zu verpflanzen, was nicht ohne große Unbilden vor sich ging. Das Exil, die Verbannung war daher das größte Unglück, von dem ein Volk heimgesucht werden konnte. Das Wort »Elend«, auch ein solches verkleidetes deutsches Fremdwort wie Haupt, stammt von dem lateinischen alienus, fremd, und in manchen deutschen Städten gibt es Bezirke, die »Elend« oder »im Elend« heißen, weil daselbst ursprünglich die aus ihrer Heimat Vertriebenen angesiedelt waren. Wo die Heimat nicht ist, da ist das Elend, d. h. die Fremde. Diese Gleichung hatte im Altertum ihre volle Berechtigung, und um sich von der Richtigkeit dieser Behauptung zu überzeugen, braucht man nur die älteste Buchliteratur, die wir besitzen, nämlich die hebräische Bibel, nachzuschlagen. Der 137. Psalm schildert uns den Seelenzustand der nach Babylon vertriebenen Juden. »An den Strömen Babel's dort saßen wir und weinten, da wir Zions gedachten. An den Weiden darin hängten wir unsere Harfen auf. Denn dort forderten von uns unsere Zwingherren Liebesworte und unsere Dränger Freude. Singet uns ein Lied von Zion! Wie sollen wir singen des Ewigen Lied auf fremder Erde?« »Auf fremder Erde« — in diesen wenigen Worten ist alles Leid und aller Jammer zusammengefaßt, die ein Menschenherz am schwersten