Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Vorgeschichte Israels und seiner Religion
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 24 (sequence 6)
- Language
- German
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24 Die Vorgeschichte Israels und seiner Religion. Fassung akzeptiert, teils humanisierend erweitert, oft aber auch durch Gegenbestimmungen aufhebt«. Hätte der göttliche Gesetzgeber nicht gerade hier beim jus talionis seine humanisierende Tendenz deutlicher zeigen sollen? Doch da bin ich durch Jampel ins theologische Fahrwasser geraten. In dem gelehrten Forscher Jampel regt sich nämlich neben dem historischen Kritiker auch der traditionsgläubige Theologe, der mir beiläufig nicht im mindesten unsympatisch ist, und der orthodoxe Offenbarungsglaube verursacht ihm große Pein. Denn welche Bedeutung — die Frage liegt doch auf der Hand — kann denn die feierliche Offenbarung des Gesetzes am Sinai haben, wenn die biblische Gesetzgebung nur eine Auffrischung der urebräischen, babylonischen war? Solche und ähnliche Bedenken dünken Jampel freilich höchst laienhaft. Sein Gredo lautet: »Die Theophanie am Sinai erscheint als ein durch die späteren Verirrungen notwendig gewordener Eingriff Gottes in die Entwicklungsgeschichte der Menschheit, um die durch eigennützige und entartete Priesterkasten betörte Menschheit zu erlösen« (S. 129). Übrigens sucht sich Jampel noch anders über die heikle Frage hinwegzuhelfen. Wurden doch auch die 7 oder noch mehr (Chullin 92 spricht von 30) noachidischen Gebote, welche die allgemeine Grundlage des Rechts und der Moral bilden, in die pentateuchische Gesetzgebung aufgenommen, ohne daß dadurch der Offenbarungscharakter der Thora alteriert wurde (s. Nachmanides zu Gen. 34,13). Und die Rechtsbestimmungen des Codex Hammurabbi sind doch nur die »Überreste der noachidischen Gebote«. Hier greift Jampel nun zu einer Hypothese, die lebhaft an eine geistreiche Ansicht Jehuda Halewis im Kusari erinnert, wonach von Adam her auf Israel ein »prophetischer Geist« vererbt worden sei. Die vorisraelitischen, semitischen Weisen, die durch ihre göttliche Vernunft Uroffenbarungen hatten, seien nicht nur Pfadfinder des bürgerlichen Rechts und der menschlichen Gerechtigkeit, sondern auch Wegweiser für die Gott suchenden Gemüter gewesen und hätten intuitiv die rechten Wege und Mittel gefunden,