Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 16 (sequence 16)
- Language
- German
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16 Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. Hütte, die die Russen geplündert haben, in einer Hütte ohne Dach und ohne Fenster und ohne Tür im dunstigen Keller »wohnen» sieht. Etwas des Leides wird man inne, wenn man die Armen bei der Brotverteilung sich drängen und gierig nach dem dargereichten Stücke schwarzen Brotes krallen sieht, nach dem Stück Brot, das den Hunger kaum eines Menschen stillen kann und das doch für eine ganze Familie reichen muß auf mehrere Tage. Etwas des Leids wird man inne, wenn man die Besitzenden sich morgens um 4 Uhr noch im Grauen der Nacht am Bäckerladen aufstellen sieht in langen, langen Reihen, um in der 8. Stunde, wenn der Bäcker öffnet, ein Pfund Schwarzbrot für 10 Kopeken zu erhaschen, das früher für 2 oder 3 Kopeken angeboten und zurückgewiesen worden wäre. Ein Stück des Elends wird man inne, wenn man die endlos langen Karawanen der heimkehrenden Flüchtlinge sieht, heimkehrend aus monatelanger, grausamer Verbannung, in der sie ihre letzte Kopeke verzehrt haben, heimkehrend zu der einst kleinen innigen Hütte, von der sie nun nur einen Haufen Schutt und Asche wiederfinden. Wer die Juden einmal dort hat stehen sehen vor den Trümmern ihrer Habe, noch erhitzt und ermüdet von dem beschwerlichen Heimzug, umgeben von Sack und Bündeln, Männer, Frauen und Kinder dem Nichts gegenüber, der ist etwas des Leids inne geworden. Ich möchte gern ein Bild dieses persönlichen Elends vorführen, aber ich besitze keins: als ich einmal bei einer Brot- Verteilung eine Aufnahme machen wollte und ich meinen Apparat einstellte, da wandte eine Frau plötzlich ihr Gesicht ab und suchte sich zu verbergen; sie schämte sich; ich klappte meinen Apparat zusammen. Es ist auch wirklich genug, wenn man solches persönliches Elend mit eigenen Augen sehen muß, man braucht es nicht im Bilde anderen vorzuführen. Ist es nicht ein wahrhaftes Wunder Gottes, wenn solche Menschen nicht allesamt zu Verbrechern werden und sich nicht mit Gewalt und Trug zu erhalten suchen? Wie halten sich jedoch diese Eienden? Als Kowno in deutsche Hand gefallen war, da holte ein Jude aus einer Nachbarstadt von dort einige Säcke Graupen und andere Lebensmittel und brachte sie