Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 15)
- Language
- German
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Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. 15 bringt, und die sich im Feindeslande nicht ganz vermeiden ließen, wiederholt den berechtigten Wünschen der Juden Rechnung getragen. Das deutsche Militär hat erkannt, daß es nicht schlimmer ist, ein ungewöhnliches oder verderbtes Deutsch, wie es der Jargon darstellt, zu sprechen, als polnisch. Meine Damen und Herren! Sie werden vielleicht erstaunt sein, nach diesen Schilderungen, die doch manche recht erfreuliche Züge zeigten, eine tatkräftige Förderung der Juden in Russisch- Polen verlangt zu sehen. Wo ist da Hilfe nötig? Nun diese Menschen, von denen ich erzählte, sind in Gefahr zu verhungern und zu verkümmern, ihre Einrichtungen und Bräuche sind in Gefahr zu verderben, sie sind in den Kriegswirren in einen Strudel geraten, in dem sie versinken müssen, wenn wir ihnen nicht helfen. Der Krieg bringt es mit sich, daß im Kampfgebiet Häuser, Dörfer, Städte bis zu den letzten Grundsteinen vernichtet, daß Felder und Wälder mit Stumpf und Stiel verwüstet werden, Hab und Gut zerschlagen und zerrissen wird. Und wo der furchtbare Kampf nicht tobte, da haben die Russen, wenn sie sich zurückzogen, den Juden ihre Häuschen und Hütten über den Köpfen angezündet, Waren und Bestände fortgeschleppt, jüdische Männer und Jünglinge erschossen und aufgehängt, Greise, Frauen und Kinder vertrieben, ins Elend hinausgestoßen. Am Neujahrsfeste dieses Jahres 5676 drangen die Kosaken in die Synagoge zu Orany ein und haben 14 Juden während der Gebete mit ihren Lanzen niedergestochen. Ich kann das Elend nicht mit Worten und nicht mit Bildern schildern, das ich gesehen habe und das Sie nun hören: Der Kownoer Rabbiner hat Recht, wenn er sagte: »Schlimm ist, von unseren Zores zu hören, schlimmer ist es, unsere Zores zu sehen, aber am schlimmsten ist, wenn man selber muß sein Päckel Zores tragen.« Etwas des Leides wird man schon inne, wenn man kranke gebrechliche Frauen, deren Männer als russische Soldaten irgendwo gefallen sind und irgendwo vermodern, mit einer Schar kleiner Kinder in einer