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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 1 · p. Seite 17

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 1
Article
Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
Date
1916-01-01
Page
Seite 17 (sequence 17)
Language
German
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Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen, 17 nach Suwalki zum Verkauf. Eines Tages bekomme ich durch diesen Mann einen Brief des Beth-Din in Suwalki, in dem ich gebeten wurde zu untersuchen, ob die Waren rechtmäßig in Kowno erworben worden seien. Der Verkauf der Ware durch Suwalkier Kaufleute sei so lange gesperrt, bis nicht erwiesen sei, daß diese Waren nicht aus dem Lager eines vertriebenen Kownoer Kaufmannes gestohlen worden seien. Der Nachweis des rechtmäßigen Erwerbes wurde erbracht. Glücklich kehrte der Jude nach Suwalki zurück nicht wegen des Geldes, sondern wegen seines ehrlichen Namens. Der Brief des Suwalkier Beth-Din ist mir ein wertvolles Blatt Papier geworden: der Jude verhungert lieber, als daß er auch nur den Verdacht der Teilnahme an einem Diebstahl auf sich nähme. Soll ich noch weiter schildern, wo und warum Hilfe nötig is? Genügt es, wenn ich betone, daß die deutsche Verwaltung Hilfe erwartet von uns, daß der Gouverneur von Wilna sie mir gegenüber als dringend erforderlich bezeichnet hat, wenn nicht tausende — nein tausende werden unrettbar sein — wenn nicht zehntausende elend zu Grunde gehen sollen? Im Altersheim zu Wilna sind 400 alte Männer und Frauen untergebracht worden; dazu viele greise Flüchtlinge, die von den Russen aus ihrer Heimat herausgerissen wurden, damit sie nicht durch Spionage den Deutschen dienlich seien, darunter sah ich eine Frau von 103 Jahren. Noch 4 Wochen wird man den Greisen zu essen geben können. Was wird dann werden? Daß die Gotteshäuser zerstört sind, daß die große Jeschibah in Slobodka, die bedeutendste Pflanzstätte talmudischen Wissens in ganz Littauen, zerrissen und zerwühlt ist bis auf den Sand des Grundes, daß man über die heiligsten Bücher, die zerfetzt und beschmutzt am Boden liegen, hinwegschreitet; ist das nicht Elend? In einem Verein für jüdische Geschichte und Literatur bringe ich dies vor: die politische Seite dieser Fragen ist nicht meine Sache, und über zukünftige Maßnahmen kann ich mich nicht äußern. Hier im Verein für jüdische Geschichte sage ich es Monatsschrift, 60. Jahrgang. 2

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