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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 1 · p. Seite 14

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 1
Article
Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
Date
1916-01-01
Page
Seite 14 (sequence 14)
Language
German
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14 Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. dafür aufgesucht haben: Grund und Boden zu erwerben ist dem Juden erschwert, wenn nicht völlig unmöglich. Recht und Gesetz gibt es für ihn nicht in Rußland. Was er erreichen will und erreichen muß, um leben zu können, kann er nur durch den Rubel von den russischen Beamten erreichen. Ohne Geld gibt es für ihn überhaupt keine Lebensmöglichkeit. Die Härten der russischen Ausnahmegesetze gegen die Juden treffen immer die Armen. Hätte der Jude nicht einiges Vermögen gesammelt, so wären jetzt schon viele Hunderttausende von den Millionen der östlichen Glaubensbrüder buchstäblich verhungert. So sehr das Streben nach materiellem Besitz von uns bedauert werden kann, so bewundernswert ist es, daß der Jude dabei, obwohl die Gefahr ganz außerordentlich ist, weder seine sittliche Kraft, noch sein festes Vertrauen auf bessere Tage eingebüßt hat. Ich sprach mit einem Juden über die Auffassung und Lebensanschauung seiner engeren Glaubensbrüder. Der Mapn hat durch die Ausweisung den allergrößten Teil seines ansehnlichen Vermögens verloren, und er sagte mir: »Für mich gilt: erst Freiheit, dann Brot.« Und als ich ihn fragte, was er unter Freiheit verstehe, antwortete er: »Ich will lernen können, was ich will, und ich will denken können, was ich soll und will sagen können, was ich muß.« Ich meine: solche Menschen, deren es nicht wenige in den besetzten Gebieten gibt, kannman nicht als verächtliche Schacherjuden und als Abschaum der Menschheit bezeichnen, wie es häufig geschieht. Menschen, die bei so niederdrückendeil und zerrütteten äußeren Lebensbedingungen religiöses Leben, sittliches Streben sich erhalten und unverbrüchlich an dem Gedanken und dem Glauben an eine bessere menschenwürdigere Zukunft festhalten, verdienen nicht nur unser Mitleid, sondern auch unsere tatkräftige Förderung, zumal sie nach einer Verfügung der obersten deutschen Heeres- Verwaltung nicht als Feinde zu betrachten sind und ihre deutschfreundliche Gesinnung über jeden Zweifel erhaben ist. Die deutsche Verwaltung hat, wenn auch gewisse Härten, die der Krieg mit sich

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