Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2829132-2829873-2829875-2847622--41971-2847650- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. 13 Da bedarf es nun einer Erklärung, warum die Juden fast durchweg die Stadtverwaltung dennoch in der Hand der Polen wissen wollen. Fast überall nämlich wurden nach dem Abrücken der Russen polnische Bürgermeister mit polnischen Beiräten eingesetzt, ohne daß die Juden wesentliche Anstrengungen machten, an der Oestaltung der neuen Verhältnisse mitzuwirken. Der Grund ist folgender: als die Deutschen bei Ausbruch des Krieges einige Gebietsteile besetzten, wurden die deutschsprechenden Juden zu Verwaltungs- und Polizeistellen vielfach herangezogen. Als dann die Deustchen das Gebiet wieder räumten und die Russen einrückten, wurden Juden, die sich zur Übernahme von Ämtern bereit erklärt hatten, von den Russen teils erschossen oder gehängt, teils nach Sibirien in die Verbannung geschickt. Seitdem haben die Juden eine begreifliche Scheu, sich 2ur Übernahme von Ämtern bereit zu erklären und Anschein der Deutschfreundlichkeit zu erwecken, solange sie nicht wissen, was die Zukunft bringt und unter wessen Herrschaft sie kommen werden. Vielfach dringt freilich schon heute die Erkentnis bei den Juden durch, daß dieses Verhalten ein schwerer Fehler ist, da ja im Falle einer Rückgabe der Gebiete an Rußland ihr Sein und Haben auf jeden Fall verloren ist. Auffallend war mir, im Gouvernement Kowno und Wilna zu hören, daß von des Zaren Aufruf »An meine lieben Juden« nicht das geringste bekannt war. Diese Tatsache bedarf noch der Klärung: man scheint auf russischer Seite auf ein Vordringen der Deutschen in diese Gebiete nicht gerechnet zu haben und hielt es darum vielleicht für überflüssig, dort Versprechungen an die Juden zu machen. Wenn man von der wirtschaftlichen Lage der Juden in Russisch-Polen spricht, hört man häufig dieÄußerungrdiejuden haben das Geld und suchen durch Schacher sich zu bereichern. Wenn nun diese Tatsache auch in wenigen einzelnen Fällen richtig sein mag, so genügt hier nicht die einfache Feststellung. Begreiflich und verständlieh finden werden wir die Erscheinung erst, wenn wir die Gründe