Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
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12 Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. in keiner Weise gespart, um denen, die von der Stiftung Gebrauch machen müssen, alle Annehmlichkeiten zu gewähren, gleichsam, als wollte man ihnen durch solche Bequemlichkeiten über den Verlust des eigenen Heims hinweghelfen.- Krankenpflegevereine, Gesellschaften zur Brotverteilung an Arme finden sich allenthalben und haben, wenn sie nur die Mittel zur Tätigkeit fanden, eine segensreiche Betätigung in dieser schweren Zeit des Krieges gezeitigt. Die »heiligen Vereine«, die die Totenbestattung sich zur Aufgabe machen, sind unermüdlich, die durch ihr Alter ehrwürdigen Friedhöfe sind sorgfältig gepflegt. Die Wohltätigkeit durch Bargeldleistungen stellt zumal in der gegenwärtigen schweren Zeit an die russischen Juden ganz ungeheuere Anforderungen. Es sind mir Fälle berichtet worden, wo einzelne allerdings vermögende Juden sich eine monatliche Wohltätigkeitsbeisteuer von 5000 Rubeln auferlegten. Die Stadt Wilna hat 100000 jüdische Einwohner, und diese 100000 Juden haben monatelang 100000 jüdische Flüchtlinge bei sich aufgenommen und vor dem Hungertode bewahrt. Dabei müssen wir bedenken, daß gegenwärtig die wirtschaftliche Lage der Juden durchaus nicht günstig ist. Der Kaufmann und der Handwerker — und die Juden gehören meist diesen Berufen an — ist in seinen Einnahmen durch den Krieg bedeutend gekürzt worden. Die vorhandenen Warenvorräte wurden schnell geräumt, neue Zufuhr selbst von einzelnen Warengattungen waren sehr erschwert, sodaß manches Geschäft völlig stockte und geschlossen wurde. Der Handwerker bekam keine Aufträge, hatte auch häufig keine Rohmaterialien zur Verarbeitung. Eine weitere Verschlimmerung der materiellen Lage brachte der Umstand, daß bei Ausbruch des Krieges gerade die reichsten und leistungsfähigsten Juden aus dem Kriegsgebiet in das Innere Rußlands flohen oder von ihrem Sommerauf enthalt in Deutschland weg als Zivilgefangene festgenommen wurden. Die wirtschaftliche Erhaltung wird den Juden auch dadurch erschwert, daß auf Seiten der polnischen Bevölkerung Haß gegen die Juden geschürt wird.