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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 1 · p. Seite 11

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 1
Article
Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
Date
1916-01-01
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. 11 Feier der Ruhetage bedeutet innigen Zusammenschluß der Familie. Der Familiensinn, die Liebe zum eigenen Blut ist eine lebenspendende Wurzel des Judentums. Frauen, deren Männer, Eltern, deren Söhne als russische Soldaten in den Krieg gezogen sind und gefangen wurden, fanden nicht Ruhe, bis sie den Aufenthalt ihrer Männer oder Kinder in Erfahrung gebracht und ihnen ein Lebenszeichen gegeben oder von ihnen ein Lebens- Zeichen erhalten hatten. Wie Pietät genährt wird, habe ich an einem ganz unmenschlich traurigen Fall kennen gelernt. Es war in Kalwarja: ich kam am Freitag Nachmittag in diese Stadt, die zum allergrößten Teil von den Russen selbst in Brand geschossen und zerstört war. Am Freitag Abend ging ich in die kleine Betstube, in der die wenigen überlebenden oder zurückgebliebenen Juden sich versammelten. Am Schluß des Gottesdienstes trat ein alter Mann von 75 Jahren mit einem kleinen Knaben von 4 Jahren an der Hand neben den Vorbeter und sprach dem Kinde den Kaddisch für Trauernde Wort für Wort vor. Kaum daß das Kind die Worte nachsprechen konnte, und lauge dauerte dieses Gebet, aber atemlos und ohne das geringste Zeichen von Ungeduld stand die Gemeinde bis zum Schlüsse. Dem Kinde war die Mutter durch eine russische Granate tötlich verletzt worden, der Vater hatte darüber den Verstand verloren und war nach 3 Tagen gestorben, der Knabe blieb mit zwei kleinen Schwestern bei seinem Großvater zurück. Ich habe ein Mädchen von 19 Jahren gesprochen, das hunderte von Kilometern zu Wagen, zu Fuß und zu Schiff zurücklegte, um allen Gefahren zum Trotz die Leiche ihres von den Kosaken erschossenen und auf dem Feld verscharrten Vaters auf einen jüdischen Friedhof zu bringen. Zum religiösen Leben des Juden gehört die Wohltätigkeit: Wohltätigkeit an Lebenden, Wohltätigkeit an Toten. Nirgends fehlt es an Altersheimen und Waisenhäusern. In größeren Städten finden wir jüdische Krankenhäuser, die vorbildlich sind durch ihre Einrichtungen. Während der Jude in seinem eigenen Heim eine auffallende Einfachheit zeigt, ist in den wohltätigen Stiftungen

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