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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 1 · p. Seite 10

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 1
Article
Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
Date
1916-01-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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10 Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. wenn man nur Besuch macht in einem fremden Haus wie bei Ihnen in Deutschland, nimmt man sich zusammen und benimmt sich anständig; wir sind mit dem lieben Gott so bekannt und in der »Schul« so zu Haus, daß man sich’s schon bequemer und gemütlicher machen kann.« In den kleinen Städtchen sind die Synagogenbauten- und Einrichtungen über alle Maßen einfach. Nur in den größeren Städten ist neben der kleinen heizbaren »Winterschul« eine größere und besser ausgestattete »Sommerschul« zu finden. Die Beter nehmen regen Anteil am Gebet und folgen mit Begeisterung und Verständnis dem Vortrag eines guten Vorbeters. In Wilna kam am Vorabend des Simchat-Thorah-Festes die Begeisterung für den Vortrag des außergewöhnlich guten Vorbeters sogar in lautem Händeklatschen und Zuruf zutn Ausdruck. Einfachheit undPrunklosigkeitin der Synagoge und beimGottesdienst ist das auszeichnende Merkmal, ganz im Gegensatz zu den griechisch-katholischen und römisch-katholischen Kirchen, die durch das Bestreben, sich gegenseitig in ihrem Einfluß auf die Bevölkerung zu übertreffen, sich überbieten in prunkvollen Gottes- Häusern und gold- und silberstrotzender Ausschmückung ihrer Gotteshäuser. Der Geist der religiösen Einrichtungen ist dem Juden alles, die äußere Form dagegen nebensächlich. Der religiöse Geist begleitet die Juden aus der Synagoge ins Haus und ins Leben. An der Art, wie sie ihre Feste begehen, erkennt man den Wert der Menschen. Es ist ein erhebender Anblick, wenn man am Freitag Abend die Juden durch die engen Straßen zum Gotteshause wandern und in den kleinen Stuben die Sabbatlichter durch die Fenster leuchten sieht. Ein neues Leben zieht mit dem Sabbat in die engen Stuben und die bedrückten Menschen. Bis zum Ausbruch des Krieges sind an Sabbat- und Feiertagen alle jüdischen Geschäfte und Betriebe ausnahmslos geschlossen gewesen, der Krieg und die notwendigen Forderungen der durchziehenden Truppen haben hier eine zeitweise Änderung gebracht.

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