Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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6 Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. schlossen worden. Die jüdischen Schulen haben an keinem Tage den Unterricht ausgesetzt. Nur in einer Stadt habe ich es erlebt, daß man während der Beschießung durch die Russen, und zwar mit amerikanischen Granaten, von einem Versammeln der Kinder abstand, und tatsächlich sind auch während des Kampfes die Synagoge und die benachbarte Schule in Flammen aufgegangen. Die hohe Auffassung des Volkes vom Wert der Schule und des Lernens drückt sich häufig in Worten und Erzählungen aus, die man aus dem Munde von Frauen und Männern zu hören bekommt. Eine einfache Frau hörte ich zu ihrem Kinde sagen: »Wenn de wirst lerne, mein Kind, de wirst sein e Mensch.« — Ein Kaufmann in besserer Lebenslage erzählte mir, wie er für die Unterweisung seiner Kinder gesorgt habe. Er ließ zehn der bekanntesten Lehrer des Ortes in sein Haus kommen, sprach mit ihnen und gab jedem Gelegenheit, sich über mannigfache Fragen zu äußern. Bei diesem Zusammensein fanden zunächst nur drei der Lehrer das Gefallen des Kaufmanns, ln einer weiteren Prüfung wählte er den besten von den dreien als Lehrer für seine Kinder aus, noch ehe jemand wußte, daß er den Unterricht seiner Kinder beginnen lassen wollte. Dann fragte er den ausgewählten Lehrer nach dem Preise für den Unterricht, und als er die Summe erfahren, erklärte er dem Lehrer, die doppelte Summe zahlen zu wollen. Ich war nicht weniger erstaunt als wohl der Lehrer seiner Zeit erstauni gewesen war, und erläuternd setzte der Kaufmann mir hinzu: »Der Lehrer sollte merken, daß es mir eine ernste Sache ist um den Unterricht meiner Kinder.« Die Schulgebäude und die Einrichtung der Schulstuben sind schlicht und oft dürftig. Da ist Mangel an Licht und Luft, Mangel an allem, was wir heute als notwendige Forderungen des Unterrichtes aufstellen. Aber so oft ich in eine Schulstube trat, ob in der großen Stadt oder in kleinen Städtchen: ein heiliger Ernst um Lehrer und Schüler wehte mir entgegen. Die Sprache des Unterrichts ist verschieden. Ich hörte Unterweisungen im Jargon und im Hebräischen und hatte eine aufrichtige Freude, als ich ein Kind von 8 Jahren auf die Fragen