Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. 5 zur Arbeit reizend wird jeder neue Schritt in das Leben dieser Menschen. Der Jude in Russisch-Polen ist, wie es einmal ausgesprochen wurde, ein ungeschliffener Edelstein. Unscheinbar, häßlich und abstoßend, wenn man nur auf das Äußere sieht, aber leuchtend und erfreuend, wenn man in den Kern eindringt. Die Grundlagen seines wertvollen Kernes sind Schule und Synagoge, wobei ich Synagoge nicht als einen Platz äußeren und äußerlichen Gottesdienstes, sondern als den Sammelpunkt und die Zusammenfassung der jüdisch-religiösen Lebensführung begreifen möchte. Die Schule: Der russische Staat unterhält Schulen nur in größeren Städten, der Besuch dieser Schulen ist erforderlich, wenn der Schüler staatliche Prüfungen ablegen und Anstellung oder Betätigung in verschiedenen Berufen finden will. Den Juden ist der Besuch dieser Anstalten erschwert, oft unmöglich. Aber in keiner Stadt und keinem Städtchen, wo Juden wohnen, fehlt es an Schulen, in denen die Kinder, ohne daß der russische Staat es verlangt, vom sechsten Lebensjahre an tagtäglich mit Ausnahme der Sabbate, der Feiertage und der Ferien, in vielstündiger Unter- Weisung ihr Wissen und ihr Wesen bereichern. Diese jüdische Schule, Cheder genannt, die keine Karriere verbürgt, sondern nur Kenntnisse gibt, ist eine private Einrichtung eines Lehrers, der aus der Hand der Eitern die Kinder und das Schulgeld empfängt, und wenn sich auch häufig das Wort bewahrheitet, daß Melammed (Lehrer) wird, wer zu sonst nichts taugt, so habe ich doch auch Lehrer kennen gelernt von einwandsfreiem erzieherischem Geschick und von hoher Auffassung vom Lehrerberuf. Wir dürfen es behaupten und mit Stolz betonen, daß kein jüdisches Kind in Russisch-Polen ohne Unterricht bleibt, während die polnische und russische Bevölkerung eine große Zahl von Analphabeten aufweist. Wenn die Lebenslage der Eltern es nicht gestattet, das Kind einen selbstbezahlten Unterricht genießen zu lassen, so haben wohltätige Stifter dafür gesorgt, daß Schulgeldfreie Schulen die Kinder aufnehmen. Während des Krieges sind die russischen und polnischen staatlichen Schulen entweder infolge der Flucht der Lehrer oder infolge der Kriegswirren ge-