Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 60 (1916)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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4 Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. wurde, er aus der Hand der Fleischer die Schächtgebühren empfing und aus den eingegangenen Stimmen Schächter und Dajjanim monatlich bezahlte. In der gleichen Stadt wurde auf Grund einer Verfügung der Zivilverwaltung der allgemeine Schulzwang eingeführt. Der Schulzwang bedeutete an sich keine einschneidende Neuerung für die Juden, wie wir noch sehen werden, aber mit dieser Staatliehen :Schulpflicht war eine Änderung des jüdischen Schulwesens insofern verbunden, als die Privatschulen zu Schulen unter Staat- Sicher Aufsicht und die Dutzende freier Privatlehrer mit verschiedenem und teilweise recht hohem Einkommen zu abhängigen,, beaufsichtigten und nach einem Gehaltsplan bezahlten Lehrern wurden. Noch ehe die Verfügung der deutschen Verwaltung herausgekommen war, hatte ich mit den Lehrern die notwendigen Vereinbarungen getroffen. Ohne die geringsten Schwierigkeiten wurde die Organisation durchgeführt, mancher Lehrqr büßte eine erhebliche Summe seines bisherigen Einkommens ein, aber bereitwillig kam man entgegen aus Freude über die Fürsorge des Staates und mit dem Bewußtsein, daß es des Lehrerstandes würdiger sei, die Kinder zum Unterricht überwiesen zu erhalten, als sie sich zusammenzuholen, und in der Erkenntnis, daß ein gleichmäßiges, einheitliches Schülermaterial bessere Lehrerfolge verbürge. Eine Neuorganisierung des Gemeindeetats war mit dieser Neuerung verbunden, neue Schulräume und Schuleinrichtungen mußten geschaffen werden, aber die Juden, obwohl sie 900 Kinder gegen Soo katholisch-polnische und 65 protestantische unterzubringen hatten, waren als erste mit den Vorbereitungen fertig geworden, und dies in einer Zeit, in der die führenden Persönlichkeiten nicht zugegen waren. Es sind dies nicht clie einzigen Fälle von bereitwilliger Mitarbeit an Neuschöpfungen und von Organisationsfähigkeit, die ich kennen gelernt habe. Wenn man, wie gesagt,, mit Bedacht an die Lösung von Fragen herangeht, bleibt der Erfolg nicht aus. So unerquicklich vielleicht der erste Eindruck von den Zuständen bei den russisch-polnischen Juden ist, so fesselnd und