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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 1 · p. Seite 3

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 1
Article
Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
Date
1916-01-01
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. 3 erfolgen. Es ist für den deutschen Juden niederdrückend, die Zerrissenheit undSchwäche der jüdischen— nennen wir’s »Gemeinden« in Russisch-Polen zu sehen, denn wenn auch wir noch keine staatliche Gesamt-Organisation auf weisen können, so sind doch unsere Gemeinden in den wichtigsten Einrichtungen religiöser Art und in der Verwaltung zusammengeschlossen und durch Verbände über Provinzen und das Reich hin in Zusammenhang. Aus der Tatsache der Zerrissenheit wird nun dem osteuropäischen Juden der Vorwurf gemacht, daß es ihm an dem Willen und der Fähigkeit zur Organisation fehle. Unordnung sei ein Grundzug seines Wesens. Ich verschweige nicht, daß der erste Eindruck eine solche Auffassung zeitigen könnte; ich habe aber Erfahrungen gemacht, die das Gegenteil beweisen. Wo der russische Jude, wie bei der deutschen Zivilverwaltung, die der militärischen Besitznahme folgte, in den Regierungsmaßnahmen die Absicht zur Förderung und gerechten Behandlung erkennt, ist er zur Aufgabe seiner verrotteten Zustände und zu eifriger Mitarbeit an bessernder Neuerung bereit. Ich greife zwei Beispiele, die zugleich die Zustände nach verschiedenen Richtungen hin beleuchten, zum Beweise heraus. In Suwalki, wo ich viele Monate meinen Sitz hatte, habe ich *eine Organisation der Gemeinde angebahnt, und da fand ich es ungerechtfertigt, daß die Schächter in einer Zeit, wo alle Gemeindemitglieder sich in ihrer Lebensführung einschränken mußten, fast ungemiiiderte Einnahmen aus den Schächtgebühren aufzuweisen hatten, die nicht unbedeutend waren, und daß die Dajjanim, die das jüdische Recht handhaben, aus der Hand der Schächter ihre wöchentlichen Gebühren von 10 Rubel empfingen. Ich berief eine Versammlung von Vorstehern ein, sprach mit den Dajjanim und den Schächtern, legte die Gründe gegen diese Einrichtung dar, wies auf die bedenkliche materielle Abhängigkeit des Dajjan von dem Schächter hin, des Dajjan der als entscheidende Instanz, selbstverständlich auch in Schächtfragen, unabhängig sein müßte von seinen Rechtsparteien, und wir einigten uns in wenigen Tagen, daß ein Schächtausschuß aus Gemeindemitgliedern eingesetzt 1*

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