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Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1916-01-01 · Heft 1 · p. Seite 2

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Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
60 (1916)
Issue
Heft 1
Article
Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen
Date
1916-01-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Aus meinen Erlebnissen bei den Juden in Russisch-Polen. nehmung verbunden mit innerer Erfahrung und Bereicherung unseres Wissens von Menschen und Dingen. Die Erlebnisse verschiedener Menschen im gleichen Gebiet und zu gleicher Zeit sind zwar verschieden, weil zur Aufnahme und Verarbeitung gewisse Voraussetzungen erforderlich sind, wie Vertrautheit mit den Daseinsbedingungen des Landes und der Bewohner, und mit dem geschichtlichen Werden, und diese Voraus- Setzungen sind bei den Menschen viel zu verschieden, als daß die Erlebnisse gleichartig sein könnten. Damit ist angedeutet, daß, wie alle Erlebnisse, auch die meinigen bei den Juden in Russisch-Polen, eigener Art sind und einen subjektiven Anstrich haben. Trotzdem glaube ich aus den Erlebnissen das eine oder andere herausgreifen und schildern zu dürfen, weil uns Juden das Leben und Ergehen der Millionen östlicher Glaubensbrüder, die uns ostdeutschen Juden die nächsten Nachbarn sind, ganz besonders am Herzen liegt und wir, auch wenn wir nicht mit eigenen Augen es sehen können, den Wendepunkt in ihrer Geschichte, den die großen Weltereignisse bringen, kennen lernen möchten. Die Juden in Russisch-Polen sind leider nicht organisiert. Der russische S1aat, unter dessen drückender Herrschaft sie bis jetzt lebten, wünschte keine Organisation, weil Zusammenschluß Kraft bedeutet. Und so finden wir in den jüdischen Ans!edelungsgebieten Gemeinde an Gemeinde gereiht, die in keinerlei Zusammenhang mit einander stehen. Gemeinden können wir diese Niederlassungen aber eigentlich auch nicht nennen, denn der Begriff Gemeinde hat eine Gemeinschaft und Geschlossenheit der Mitglieder zur Voraussetzung. Ganz richtig müßten wir sagen: wir finden in den Städten des Gebietes — auf Dörfern ist ihnen ja die Ansiedelung offiziell verboten — zahlreiche Juden, die häufig bis über 50$ der Gesamtbevölkerung ausmachen, wir finden Synagogen in großer Zahl, in denen zahlreiche Juden beten und finden eine nicht geringere Zahl von Lehrhäusern und Schulen, in denen alte und junge Juden lernen. Als Gemeindeeinrichtungen aber sind nur die Schäcirthäuser, die rituellen Badeanstalten und die Friedhöfe anzusprechen. Eine Zusammenfassung der jüdischen Kräfte kann ausschließlich da, wo es glückt, von Seiten des Rabbiners

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