Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1915-01-01
- Page
- 30 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2829132-2829866-2829868-2847547--41599-2847596- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
30 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman der Menge zu sein, Despot im Geiste. Mit allen Fibern genieße ich das. Und du — du, verstehe mich!« Er hielt noch die Hände des Alten gepackt und drückte sie, wie um sie zu zermalmen. Aber der Jude (der hat es ja selbst so geplant, und nun weiß er nichts von seinem eigenen teuflischen Plane) starrte ihn geblendet an und fühlte keinen Schmerz. Als Aron so ausrief, da stand plötzlich Agathe zwischen ihnen. Sie war sehr bleich. (Das ist sie stets.) »Du bist ein Gottesschänder!« sagte sie. Aus ihren Augen ging es über die beiden hin wie Gewitterflammen. Sie sahen sie verwirrt an.« Man sollte das kaum für glaublich halten, sie haben doch beide mit voller Absicht und von lange her diese entsetzliche, wenn auch ein wenig sehr wahnwitzige Verschwörung gegen das arme Christentum angezettelt. Oder, erfaßt sie Gewissensbisse? Agathe verkörpert die Jüdin der alten Zeit Sie hat »den Gehorsam und den engen, demütigen Rechtssinn biblischer Frauen; das Haus war ihre Welt, ihr Herr der Vater . . . Nach ihren Begriffen stand das Weib unter Botmäßigkeit des Mannes. Sie war des alten Juden (ihres Vaters) Magd. Nur ihre Glaubenstreue stahl sie sich.« Folgt eine Beschreibung des Ghettos (in der Großstadt!) und wie Agathe zur Synagoge geht, denn wohlgemerkt an Sommerabenden geht sie zur Abendfeier nach der Synagoge. Wo das nur üblich sein mag? Bei uns zu Lande, in der Heimat der Frau Gräfin, nicht. »Die Häuser strömten schlaffe, widerliche Gerüche aus. Tiefliegende Fenster lagen voll Kram. Zwischen verkümmernden Blumenstöcken standen Schüsseln mit halbgaren Speisen. Träge, hübsche Dirnen kauerten in nachlässigem Putz auf den Straßensteinen (Ei! Ei!). Und nahezu auf allen Gesichtern von der Kindheit an bis zum Greisenalter lag das Unruhige und Wachsame eines Stammes, den nimmersattes Strebertum zu ewigem Hassen peitscht. Furchtbar ist das Volk, das Sklave war und aufsteigt zum Tyrannen.« Diese gar nicht hierher passende Bemerkung hat Schiller schon vor der Gräfin Salburg gemacht, aber an einer Stelle, wo sie hingehörte. Er war eben kein Roman- Schriftsteller, der Kolportageromane schrieb. Der Jude kennt also