Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1915-01-01
- Page
- 21 (sequence 9)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 21 Dessauer einen »Weg ins Freie«, ob den richtigen oder nicht, zu zeigen sich bemüht hat. Vom jüdischen Standpunkt aus ist auch Schnitzlers Buch nicht gerade erquicklich, vielleicht gerade wegen der unbarmherzigen Wahrheit seiner Charaktere, die aber, und das ist von sehr großer Bedeutung, nur eine Klasse, und nicht eben die anmutendste der Juden vertreten. Die Darstellung der Juden bei Georg Hermann. Eine Großstadtgeschichte anderer Art, eigentlich nur.eine Familiengeschichte ist Jettchen Gebert von Georg Hermann. E. Fleischei und Co., Berlin 1907. 476 S. Sie gehört, streng genommen, nicht in den Kreis meiner Betrachtungen, da nicht Juden der Gegenwart, sondern der letzten dreißiger Jahre Berlins, die handelnden Personen sind. Aber ich glaube doch, daß man sich die meisten, insbesondere was den Gegensatz von Ost und West betrifft, ganz gut in unsere Zeit versetzen kann. Die Vorzüge unseres Buches, seine treffliche Versenkung in die Biedermeierzeit, seine edle Sprache, Gefühlswärme, Schilderung des Einzelnen und noch andere sind, und diesmal mit Recht, allseitig gewürdigt worden. Die Handlung ist wieder ganz einfach. Soll und kann die Jüdin Jettchen den Christen Dr. Friedrich Kößling heiraten? Und es ergibt sich, daß es aus mehr als einem Grunde nicht möglich ist. Demnach bleibt mir nur als Aufgabe, die in der Tat kunstvolle und doch so wahre Charakterdarstellung aufzuweisen. Es treten uns zwei toto orbe auseinanderstehende jüdische Familien entgegen, und nur insofern ist es ein Judenroman. Sie sind im Ganzen als Menschen dargestellt und mit geringen Änderungen könnte sich die Geschichte auch zwischen Christen zutragen. Von Judentum und anderen Juden ist nicht die Rede, von ersterem höchstens nur, insofern das innige unzerreißbare Familienleben in den Vordergrund tritt, ja eigentlich den Grund der Katastrophe bildet. »Bei uns kommt keiner von der Familie los, bei uns nicht.« »Sie meinen,« sagt Onkel Jason zu Kößling, »daß wir doch tolerant