Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1915-01-01
- Page
- 18 (sequence 6)
- Language
- German
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18 Die Darstellung der Juden im deutschen Roman verstehen. Aber gerade das gefällt Ehrenberg ganz besonders, »denn,« versichert er Therese, »es wird euch jüdischen Sozial- Demokraten gerade so ergehen, wie es den jüdischen Liberalen und Deutschnationalen ergangen ist. Wer hat die liberale Bewegung in Österreich geschaffen? Die Juden. Von wem sind die Juden verraten und verlassen worden? Von den Liberalen. Wer hat die deutschnationale Bewegung in Österreich geschaffen? Die Juden. Von wem sind die Juden in Stich gelassen, bespuckt worden wie die Hunde? Von den Deutschen. Und gerade so wird’s ihnen ergehen mit dem Sozialismus und Kommunismus. Wenn die Suppe erst aufgetragen ist, so jagen sie euch vom Tisch. Das war immer so und wird immer so sein.« Wie gewöhnlich, trifft der Alte den Nagel auf den Kopf. Leo selbst, immer wirklich stolz und selbstbewußt, hat sich einem Grafen, von dem seine Schwester sich nicht ungern den Hof machen läßt, vorgestellt: Leo Grabowski, Jüd aus Krakau. Die Folge ist ein Duell, in dem der Graf erschossen wird, »der doch eigentlich gar nichts anderes gegen die Juden gehabt hat, als daß sie ihm so zuwider gewesen waren, wie schließlich den meisten Menschen — und dessen Schuld im Grunde nur darin bestanden hat, daß er an den Unrechten gekommen ist.« An den Unrechten gekommen ist auch ein Rittmeister, mit dem sich Willy Eißler als Offizier (in Österreich können Juden Offiziere werden) geschlagen hat aus unüberwindlicher Abneigung gegen die Leute, »die sich bei den Juden anfressen und schon auf der Treppe über sie zu schimpfen anfangen,« wie z. B. auch der Oberleutnannt Sefranek, der in jüdischen Häusern verkehrt und wohl zur Beruhigung seines dadurch beleidigten Gewissens jüdische Soldaten mißhandelt. Willy Eißler treibt im Sommer allerlei, spielt Tennis, malt, vertrödelt Zeit und verlebt einige »amüsante«, aber noch mehr langweilige Stunden. Er spricht äußerst rasch, wie mit einer absichtlichen, leisen Heiserkeit, scharf, salopp mit ungarischen, französischen, wienerischen, jüdischen Akzenten. Er verteidigt ununterbrochen eine Stellung, wenn auch ohne dringende Notwendigkeit, und doch findet Wergenthin es beinahe sonderbar,