Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1915-01-01
- Page
- 17 (sequence 5)
- Language
- German
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des zwanzigsten Jahrhunderts. 17 den Lippen, ihrem ernsten Mann die Falten von der Stirne streichend. Am liebsten allerdings wäre sie Georgs Frau geworden, den sie in gewissem Sinne liebt. Aber im Grund ist sie eine gute Seele; sie fühlt mit und für Anna Rosner, die Geliebte Georgs, denn sie ahnt, daß dieser sie verlassen werde, ja sie ist sogar bereit, das Kind Annas an sich zu nehmen, aus Güte und nicht bloß in einer romantischen Anwandlung. Ein anderes Mädchen dieser Gesellschaft ist Sissy Wyner. Die Familie heißt eigentlich Wiener, hat aber, da sie früher in London gelebt, ihren Namen anglisiert. Die Mutter ist klein, hochrot, lustig, verlegen und — dumm. Sissy, mit dunkeln, kleinen Augen, benimmt sich gelegentlich so, daß man sie für sehr unzweideutig hält. An platonische Liebe glaubt sie nicht und beweist es, indem sie sich Georg ohne weiteres und ohne Zweck hingibt, wie sie sich in der nächsten Stunde auch jedem andern ebenso hingegeben hätte. Sie ist nichts weiter als frech und sinnlich. Meine Kenntnis solcher weiblicher Seelen ist zu unzulänglich, um über die Wahrheit dieses Weibes ein gütiges Urteil abgeben zu können. Jedesfalls haben die modernen Romanschriftsteiler von der weiblichen Keuschheit eine sehr geringe Meinung. Wie käme es sonst, daß bei Wassermann, Beradt, Hauschner, Michaelis, Langenscheidt, Münzer, und, last not least, Bartsch fast nie ein reines Weib gefunden wird — bei Jud und Christ? Man mag mich einen Idealisten schelten, ich kann, oder besser will es nicht glauben, denn das wäre die Auflösung der modernen Kultur, wie dieselbe Ursache den Untergang der antiken Welt herbeigeführt hat. Doch kehren wir zum Gegenstand zurück! Nicht tugendhafter ist Therese Grabowski, ein hübsches, junges Mädchen, eine Führerin der sozialdemokratischen Partei, die sich aber doch auffallend kleidet. Auch sie hält ihren Leib für ein corpus vile. Ihre Mutter ist eine gute brave Frau und Mutter, der Vater sitzt im Kaffeehaus und schaut zu, wie die anderen Leute Schach spielen. Ihr Bruder Leo, eine der sehr wenigen sympathischen Personen, ist Zionist. Das kannj|Therese als Sozialistin nicht Monatsschrift, 59. Jahrgang. 2