Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Die Darstellung der Juden im deutschen Roman des zwanzigsten Jahrhunderts
- Date
- 1915-01-01
- Page
- 15 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2829132-2829866-2829868-2847547--41584-2847581- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
des zwanzigsten Jahrhunderts. 15 ärgsten von unsern Feinden am Galgen säh5.« »Ich bemerke nicht zum erstenmal, lieber Herr Ehrenberg, daß Sie dieser Frage nicht mit der wünschenswerten Objektivität gegenüber stehen,« meint Nürnberger und fährt auf die Frage Ehrenbergs, ob er vielleicht getauft sei, fort: »Ich bin nicht getauft, aber allerdings bin ich auch nicht Jude. Ich bin längst konfessionslos geworden aus dem einfachen Grunde, weil ich mich nie als Jude gefühlt habe.« Und warum nicht? Diese Frage verdiente wohl eine Erörterung, die uns aber vorenthalten bleibt Darauf bemerkt kaustisch der kluge Alte: »Wenn man Ihnen einmal den Zylinder einschlagt auf der Ringstraße, weil Sie mit Verlaub eine etwas jüdische Nase haben, so werden sie sich schon als Jude getroffen fühlen, verlassen Sie sich darauf ... Es wird Sie sicher freuen, daß auch mein Sohn Oskar ein Antisemit ist.« Frau Ehrenberg seufzt: »Es ist eine fixe Idee von ihm, überall sieht er Antisemiten, selbst in der eigenen Familie.« Das mag nun paradox erscheinen, aber so unrecht hat Ehrenberg nicht, obwohl Nürnberger geistreichelnd behauptet: »Das ist die neueste Nationalkrankheit der Juden. Mir selbst ist es bisher erst gelungen, einen einzigen echten Antisemiten kennen zu lernen, es war ein bekannter Zionistenführen« Selbst Elsen, die früher einmal sehr nett mit dem Vater war, graust es vor dessen Taktlosigkeiten und Witzen. Er wird meist S. genannt, weil er seiner Familie das Zugeständnis gemacht hat, nur diesen Buchstaben auf die Tafel an die Tür zu setzen. Wenn es nach ihm ginge, möchte er am liebsten zu den Gesellschaften der Madame Ehrenberg im Kaftan und den gewissen Löckchen erscheinen, nicht aus Frömmigkeit, sondern aus Bosheit hauptsächlich gegen seinen Sohn Oskar mit den *feudalen Bestrebungen, dem Reserveoffizier bei den Dragonern, der gewiß lieber katholisch wäre. Aber das Vergnügen beichten gehen zu dürfen, käme ihm vorläufig doch noch zu teuer zu stehen. »Es dürfte im Testamente vorgesehen sein, daß er nicht »überhüpft«.« So erklärt sich auch der allerdings starke Auftritt, den ein Briefschreiber berichtet. Oskar geht an der Michaelerkirche vor-