Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 59 (1915)
- Issue
- Heft 1
- Article
- Der jetzige Weltkrieg und die Bibel
- Date
- 1915-01-01
- Page
- 10 (sequence 10)
- Language
- German
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10 Der jetzige Weltkrieg und die Bibel. wie kein Regen nicht Sonnenschein ist. Es wäre der Verhängnisvollste Irrtum, den wir begehen könnten, wenn wir uns mit einem Frieden abfinden ließen, der bloß kein Krieg, sonst aber nichts ist. Der Friede ist nicht etwas Negatives, er ist kein hohles Gefäß, kein ausgeblasenes Ei, kein Lichtenbergsches Messer ohne Heft, woran die Klinge fehlt, sondern er ist etwas durchaus Positives, sonst verdient er den Namen nicht. Dieser Name ist im Urtext der Bibel gleichbedeutend mit Vollendung und Vollkommenheit. Wenn uns die Bibel zeigt, wie ein rechter Krieg aussehen muß, so belehrt sie uns schon mit der bloßen Benennung, wie ein rechter Friede aussehen muß. Er muß etwas Ganzes, Vollkommenes und Vollendetes sein, in dem das ganze Bazillengift der uiiehrliehen Rivalitäten, der schlauen Einkreisungsbestrebungen, der verleumderischen Ehrabschneidereien und sonstigen Hinterlistigkeiten — alles made in England — abgetötet, und in dem wirklicher Sonnenschein ist. Der Dichter Heinrich von Kleist sagt einmal von dem Talent: Von der Hölle wird bescheert Ein Talent, ein halbes, kleines. Doch der Himmel, er gewährt Nur ein ganzes, oder keines. So verhält es sich auch mit dem Frieden. Wenn uns nach diesem ungeheuren Weltkrieg so ein halber, kleiner Friede beschieden wäre, aus dem, wie bei einem alten Rock, der Krieg bei jeder Naht wieder ausbrechen könnte — das wäre ein Geschenk der Hölle. Der Himmel aber rät: nur ein ganzer Friede oder keiner, und wir sind wohl alle davon überzeugt, daß diejenigen, in Deutschland und in unserer Monarchie, die darüber zu entscheiden haben, dem Himmel und nicht der Hölle das Ohr leihen werden. Ich möchte hier aber Gelegenheit nehmen, eines lateinischen Spruches zu gedenken, der an einem der »Urania« sehr benachbarten Hause oder Palaste in goldenen Lettern angebracht ist. Dieser Palast ist das Kriegsministerium, und der Spruch lautet: