Mannheim
Compact Memory

Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums · 1915-01-01 · Heft 1 · p. 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
Volume
59 (1915)
Issue
Heft 1
Article
Der jetzige Weltkrieg und die Bibel
Date
1915-01-01
Page
5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2829132-2829866-2829868-2847546--41573-2847571
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Der jetzige Weltkrieg und die Bibel. 5 gibt natürlich den Vorwurf zurück, und so entsteht ein langes Hin und Wider, bis der Vater mit dem Stock, oder die Mutter mit einem sanften Wort dazwischen kommt und die Sache in Ordnung bringt. Nun, meine Verehrten, wenn es erlaubt ist, Kleines mit Großem zu vergleichen, so darf man sagen, daß der jetzige Weltkrieg mit demselben Schauspiel eingesetzt hat: Er hatte kaum begonnen, so bemühten sich die Ententemächte, allerdings nicht infolge der eingekehrten Vernunft, wie bei den Kindern, sondern aus Unvernunft, die Schuld an dem Kriege Österreich- Ungarn und Deutschland aufzuladen und ihnen magna voce et bonis lateribus zuzurufen: »Ihr habt angefangen«. Besonders war es England, das nicht müde wurde und nicht aufhört, mit frommer Miene zu bedauern, daß es von Deutschland in seinem heißen Bemühen für die Erhaltung des Friedens gestört worden sei. Als ob der alte Haß Englands gegen Deutschland nicht eine weitbekannte Tatsache wäre. England erinnert an die alle Fabelbücher der Welt durchlaufende Geschichte von dem Habsüchtigen und dem Neidischen, denen Apollo oder irgend ein irdischer Machthaber zusagt, jeden von einem von ihnen geäußerten Wunsch zu erfüllen, jedoch unter der Bedingung, daß der andere das Doppelte erhalte. Beide schweigen, weil keiner dem andern das Doppelte gönnt Da entschließt sich endlich der Neidische zü der verzweifelten Bitte, man möge ihm ein Auge ausstechen, damit dem andern beide ausgestochen werden. Ich glaube, daß England es sich auch ein Auge kosten lassen würde, wenn Deutschland dabei um beide käme. So steht es mit Englands Unschuld und Friedensliebe. Nebenbei gesagt: die Rolle des Habsüchtigen vertritt England als Verwandlungskünstler ebenfalls. Und welche Rolle spielt Rußland in dem jetzigen Weltkrieg? Ich komme mit der Beantwortung dieser Frage wieder auf unsre biblische Episode zurück. Rußland ist der Riese Goliath. Schon Heinrich Heine hat Rußland mit einem schlafenden Riesen verglichen, vor dessen Erwachen er warnt. Nun ist er erwacht. Dieser moderne, in jeder Beziehung massive Philister sollte, wie es seine Gewohnheit ist, die Keime und Blüten alles Edlen und Erhabenen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.